Das bewegte Leben eines Artistenkindes

Vorarlberg / 11.10.2022 • 19:57 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Mutter von Agnes (in der Mitte) trat im Zirkus auf, oft auch zusammen mit anderen Künstlerinnen.
Die Mutter von Agnes (in der Mitte) trat im Zirkus auf, oft auch zusammen mit anderen Künstlerinnen.

Agnes Nardon ist die Tochter zweier Artisten. Die Zirkuswelt und das Varieté war auch ihre Welt.

Übersaxen Agnes Nardon (79) lebt heute beschaulich in Übersaxen, einem 600-Seelen-Ort oberhalb von Rankweil. Als Kind und Jugendliche kam sie viel in der Welt herum, sie bereiste mehrere europäische Länder. Das lag daran, dass ihre Eltern Artisten waren und an vielen Orten Engagements hatten. „Meine Mutter war Radfahrkünstlerin, mein Vater zog mit seinen Zähnen einen Eisenbahnwagon“, zeigt die Steirerin auf, dass ihre Eltern einiges drauf hatten.

Agnes lernte ihren Vater, einen Italiener, erst im Alter von zehn Jahren kennen. Ihre Mutter hatte sich von ihm getrennt, da war Agnes noch ein Baby. Bis zum zehnten Lebensjahr wuchs das Mädchen bei seiner Mutter auf. „Als ich drei war, nahm mich Mama mit zum Zirkus. Sie baute mich in ihre Nummer ein. Ich machte akrobatische Einlagen wie Hand- und Kopfstand und Spagat.“

Agnes erinnert sich, dass ihr erstes Zuhause ein Wohnwagen war. Auch die Löwen und Bären in den Käfigen sind ihr noch lebhaft in Erinnerung. „Für sie musste ich Fleisch besorgen.“ Die Mutter tingelte mit ihrem Kind von einem Ort zum andern. „Im Burgenland waren wir in fast jedem Dorf.“

Agnes war ungefähr neun Jahre alt, als ihre Mutter krank wurde. „Mama hatte unter den Achseln drei Geschwüre. Sie rieb sie mit einer Salbe ein. Eine Kräuterfrau hatte ihr das empfohlen.“ Der Gesundheitszustand der Varietékünstlerin verschlechterte sich derart, dass sie nicht mehr auftreten konnte. Das war für Mutter und Tochter eine Katastrophe. „Ich ging betteln, damit wir etwas zu essen hatten.“ Das Mädchen war einfallsreich, wenn es darum ging, etwas aufzutreiben. „Unter anderem machte ich für andere Hausaufgaben oder lernte mit ihnen. Dafür bekam ich dann Lebensmittel oder Geld.“ Manchmal verdiente das Kind auch ein paar Groschen mit „Zirkusmachen“. Wenn die Not besonders groß war, wurde die Pelzjacke der Mutter zum Pfandleiher gebracht. Eines Tages stand ein fremder Mann vor der Tür. Die Worte, die der „Fremde“ an sie richtete, hat Agnes bis heute nicht vergessen. „So Agnes, du kommst jetzt mit mir mit. Ich bin dein Vater.“ Das zehnjährige Kind sträubte sich, schrie und weinte. Es wollte bei seiner Mama bleiben, die zunehmend dahinsiechte. Aber es half alles nichts. Agnes sah ihre Mutter an diesem Tag zum letzten Mal.

Beim Vater ging es dem Mädchen materiell besser. „Vorher musste ich überallhin betteln gehen.“ Auch der Vater, der mit seiner Frau Rita und seinem Sohn Johann in Revue-Shows auftrat, baute Agnes in seine Nummern ein. „Ich überreichte die Requisiten auf der Bühne.“ Die Artistenfamilie kam weit herum. „Wir traten auch in Skandinavien auf.“

Als die Familie ein Engagement in Wien bekam, wohnte Agnes, die mittlerweile zwölf war, bei ihrer Tante Violetta. „Diese zwei Jahre waren keine gute Zeit.“ In diese Zeit fiel die Nachricht vom Tod der Mutter. Der Brustkrebs hatte sie ins Grab gebracht. „Ich lief weinend durch die Stadt. Auf einer Brücke blieb ich stehen. Ich schaute hinunter und dachte mir: ,Spring‘ Agnes‘. Aber dann sagte eine innere Stimme zu mir: ,Tue es ja nicht.‘“

Heute, mit fast 80 Jahren, blickt die zwölffache Großmutter auf ein Leben zurück, das sie einerseits reich beschenkte, ihr andererseits aber auch eine Menge Leid bescherte. Die gelernte Schneiderin ehelichte einen Landsmann, der in Dornbirn lebte und gründete mit ihm eine Familie. Agnes, die vor der Heirat einige Jahre im Gastgewerbe gearbeitet hatte, wurde Hausfrau und zog drei Kinder groß. Mit 40 erkrankte sie schwer: Depressionen und Panikattacken machten ihr das Leben zur Hölle. „Die Attacken waren so schlimm, dass ich dachte, ich müsste sterben. Ich hatte panische Angst vorm Sterben. Weil mir die Brust wehtat, griff ich mir jeden Tag unter die Achseln.“ Ihre Selbsttherapie hatte Erfolg. „Ich kämpfte nicht mehr gegen die Panikattacken, sondern ließ sie zu. Als ich sie annahm, verschwanden sie aus meinem Leben.“ Auch die Depressionen gingen, aber nicht die Erinnerungen daran. „Als Depressiver gehst du durch die Hölle. Wenn du die Hölle schaffst, schaffst du alles. Danach bewältigst du alle Schicksalsschläge.“ Der nächste Schlag kam zehn Jahre später. Jetzt stand ihre langjährige Ehe auf dem Spiel. „Ich nahm 30 Kilo ab.“ Das Ehepaar blieb zusammen. Seit 2015 ist Agnes Witwe. Ihr Mann starb an Bauchspeicheldrüsenkrebs. vn-kum

Mit Krönchen sah Agnes wie eine kleine Prinzessin aus.
Mit Krönchen sah Agnes wie eine kleine Prinzessin aus.
Johanna (rechts), die Mutter von Agnes, war eine Radfahrkünstlerin. Sie war noch keine 50, als sie an Brustkrebs starb. vn/kuster
Johanna (rechts), die Mutter von Agnes, war eine Radfahrkünstlerin. Sie war noch keine 50, als sie an Brustkrebs starb. vn/kuster
Agnes Nardon kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken.
Agnes Nardon kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken.

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