Turnusärzte fühlen sich vernachlässigt

Vorarlberg / 17.10.2022 • 17:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Turnusärzte fühlen sich vernachlässigt
Turnusärztevertreter Julia Hörmann und Luca Gallastroni reden Klartext. Ärztekammer

Viel Bürokratie und wenig Praxis für Allgemeinmediziner in Ausbildung.

Dornbirn Da beißt sich offenbar die Katze in den Schwanz, denn: Die Personalknappheit in den Spitälern wird mitverantwortlich gemacht für den Mangel an Praktikern im niedergelassenen Bereich. Die Turnusärzte schlagen jedenfalls Alarm.

„Künftige Allgemeinmediziner müssen Tätigkeiten zur Systemerhaltung durchführen, anstatt Erfahrungen beim Patienten sammeln zu dürfen“, beklagen die Turnusärztevertreter in der Ärztekammer, Julia Hörmann und Luca Gallastroni. Die Stimmung unter den Kolleginnen und Kollegen verschlechtere sich zusehends, die Ausbildung frustriere viele. Sie wünschen sich eine durchgehende Qualitätssicherung mit einem Kontrollorgan und „echten Feedbackgesprächen“. Ärztekammerpräsident Burkhard Walla versteht die Sorge: „Eine gute Ausbildung ist das Wichtigste, das wir jungen Ärzten mitgeben können. Im anderen Fall entsteht eine Negativspirale, die zu massiven Verschlechterungen führt. Alle Verantwortlichen sind gefordert, gegenzusteuern und dafür zu sorgen, dass mehr Jungärzte zur Allgemeinmedizin kommen.“

Viele Überstunden

Laut Luca Gallastroni wurden im vergangenen Jahr in den Vorarlberger Spitälern 80 Turnusärzte eingestellt, 22 sind allerdings wieder ausgeschieden und haben das Land verlassen. „Daneben erhalten etwa 100 Jungärzte auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle eine Absage. Auch die gehen weg“, spricht der Turnusärztevertreter von einem Teufelskreis. Zudem sind Gallastroni und Hörmann überzeugt, dass es insgesamt zu wenig Turnusärzte gibt. Das würden nicht nur die zahlreichen Überstunden belegen. „Der Stationsalltag ist oft so vollgeplant, dass er ohne Turnusärzte und Studenten gar nicht zu bewältigen wäre“, reden die beiden Klartext. Im Zusammenhang mit dem Pflegemangel habe dies fatale Folgen für Allgemeinmediziner in Ausbildung, weil sie bürokratische und organisatorische Tätigkeiten übernehmen müssten. Nachsatz: „Oft mit bis zu 72 Arbeitsstunden pro Woche.“ Die künftigen Fachärzte hingegen würden besser eingesetzt, was Hörmann und Gallastroni ebenfalls deutlich kommentieren: „Die Ausbildung der Turnusärzte wird vernachlässigt.“

Keine freien Kapazitäten

Julia Hörmann ist dabei, ihre Ausbildung zur Allgemeinmedizinerin abzuschließen. Gleichzeitig hat sie mit dem gynäkologischen Facharzt begonnen. So ähnlich gehe es vielen Turnusärzten. Entweder wechseln sie auf der Suche nach einer bessern Allgemeinarzt-Ausbildung ins Ausland oder sie bleiben als Sekundararzt länger im Krankenhaus, um sich die nötige Erfahrung für die Praxis zu holen, oder aber sie entscheiden sich gleich für eine Facharztausbildung. „Das Ziel der Krankenhäuser ist Systemerhaltung, freie Kapazitäten für Ausbildung sind da nicht vorgesehen“, kritisieren die Jungärzte, die aber auch einräumen, dass es zumindest einzelne Abteilungschefs gebe, die ihre Aufgabe gut machen. Ärztekammerpräsident Burkhard Walla gibt zu bedenken: „Das Fehlen der Hausärzte belastet verstärkt die Ambulanzen, weil die Menschen dann wieder direkt ins Krankenhaus gehen.“ Schon jetzt bewege sich das System in diese Richtung. „Der Hilferuf der Jungärzte sollte deshalb sehr ernst genommen werden.“

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