Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Von Sprache und Wirklichkeit

Vorarlberg / 17.10.2022 • 22:22 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

„Hier kommt das Establishment, hier kommt das sogenannte ,System‘, wie zumindest die meisten seiner Herausforderer Alexander Van der Bellen nennen.“ Mit diesem Satz zum Einzug des Wahlsiegers bei seiner Feier begann vergangenen Montag die Geschichte über den Bundespräsidentschafts-Wahlabend von Sophie Hausberger, Yilmaz Gülüm und mir im ORF-Report. „Sprache schafft Bewusstsein. Man hört nichts von diesen Dingen“, schrieb uns daraufhin Martin Radjabi, Wahlkampf-Stratege des Bundespräsidenten, der schon Alexander Van der Bellens ersten Wahlkampf mitverantwortet hat, auf der Social-Media-Plattform Twitter. Mit einem Wikipedia-Hinweis auf das Wort „System“, das etwa unter den Nationalsozialisten als „Systempartei“, „Systempolitiker“ oder „Systempresse“ eingesetzt wurde und heute gerne von rechten Parteien oder anderen neuen Gruppierungen verwendet wird, um sich gegen „die da oben“ abzugrenzen – wir gegen die anderen, ein beliebtes Spiel des Populismus.

Ein wichtiger Hinweis auf sprachliche Sensibilität, an die man nicht nur im politmedialen Betrieb immer denken sollte, um nicht Vorurteile sprachlich mit zu befördern. In diesem Fall war es unser Versuch, das zentrale Bild des vergangenen Wahlkampfs zu beschreiben, in dem sich eben fast alle Herausforderer des Bundespräsidenten gegen das politische Establishment positionierten, also gegen den Amtsinhaber: Das Establishment, das sind immer die anderen.

Sprache als Waffe

Auch wenn sachlich betrachtet das gesamte Bewerberfeld zu den Etablierten in der Gesellschaft gehört: Berufspolitiker, Rechtsanwälte (mit und ohne Kolumne in der Kronen Zeitung), Unternehmer (mit und ohne Abschluss in Medizin). Und ich will jetzt beim negativ konnotierten Wort „System“ nicht soziologisch mit Systemtheorie argumentieren, allerdings den Hinweis geben, dass etwa „Das System Kurz“ eine oft verwendete Formulierung in der politmedialen Welt war, googlen Sie es einmal nach.

Sprache ist kein Nebenschauplatz, gerade nicht in der Politik, von den Mächtigen strategisch eingesetzt. Sprache konstruiert auch Wirklichkeit. Sie kann eine Waffe sein, sie kann Menschengruppen ausgrenzen, sie kann Menschen gegeneinander aufbringen und der Inhumanität Vorschub leisten. Umso mehr sollten wir alle auf die eigene Sprache achten: Ob Medienleute in der Pandemie bei jeder unpassenden Gelegenheit aufgeregt von einem „Ausnahmezustand“ berichten oder politisch Verantwortliche Menschen mit kleinen Einkommen wieder einmal unsensibel als „sozial schwach“ bezeichnen. Oder ob Bürgerinnen und Bürger einen demokratischen Staat wie Österreich wegen der zugegebenermaßen teilweise schmerzhaften Einschränkungen allen Ernstes als „Diktatur“ verunglimpfen.

„Sprache ist kein Nebenschauplatz, gerade nicht in der Politik, von den Mächtigen strategisch eingesetzt.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.

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