Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Begegnung

Vorarlberg / 18.10.2022 • 13:00 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Die Frau im Zug tippt fieberhaft ins Smartphone. Sie sieht ärmlich aus, aber sorgfältig gekleidet. Ihr Gesicht wirkt alt: Zerfurcht die Wangen, der Mund eingefallen, ein paar Zähne fehlen. Haare wie Stroh. Dürfte etwa 70 Jahre alt sein, vielleicht älter? Nach einer Weile tönt laute Musik durch den Waggon. Die Frau sieht sich Videos an. Die Musik klingt osteuropäisch. Russisch vielleicht? Menschen blicken verärgert herüber. Aber niemand sagt etwas. Immer neue Lieder erfüllen den Zug.

Irgendwann begegnen sich unsere Augen. Ich nicke einen Gruß hinüber. Schon kommt sie her, ganz nah. Zeigt ihr Handy. Spricht unentwegt, tatsächlich Russisch. Viel zu schnell, nur einzelne Brocken sind verständlich. Aber sie redet, als ob ein Damm gebrochen wäre. Daria stammt aus dem Osten der Ukraine. Sie floh vor drei Monaten. Daheim war sie Friseurin. Hier lebt sie von Unterstützung. Was sie uns zeigt, sind Musikvideos ihrer Stars, grell überschminkt, laut und rhythmisch. In immer rasenderer Abfolge wechseln die Bilder. Dazwischen wieder Videos von gewaltsam niedergeprügelten Demonstrationen in Moskau. Dazu schlägt sie sich mit der flachen Hand auf die Stirn.

Von Feldkirch bis Bregenz erfahren wir, dass sie drei Kinder hat. Wo die leben, wie alt sie sind, ob schon Enkel da sind … dafür ist die Sprachbarriere einfach zu groß: Nur eine Antwort ist deutlich. Sie unterstreicht sie mit ihren zehn Fingern und lacht freudig, als wir begriffen haben. Daria ist 50 Jahre alt.

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