Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Opfersein

Vorarlberg / 20.10.2022 • 06:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Das mit dem Opfersein ist gar nicht so einfach. Jeder Mensch wird im Lauf seines Lebens zum Opfer und gerade in unserer krisengebeutelten Zeit gibt es wieder mehr Opfer: Von Krankheit und Not, von Gewalt und Unglück, von Armut und Verlusten, von diversen Schicksalsschlägen und wieder von Krieg. Verbunden ist dies mit Traumatisierung und unsäglichem Leid. Die Opfer verdienen unser aller Mitleid, sie brauchen Solidarität und Hilfe.

Die Opferrolle hat aber auch noch andere Seiten. Wissenschaftlich spricht man neben den eigentlichen – den unschuldigen – Opfern von vier verschiedenen Formen: Die teilnehmenden Opfer wirken bei den Taten selbst mit, gewollt oder unbeabsichtigt, zu sehen etwa bei betrogenen Betrügern oder beim berühmten Stockholm-Syndrom. Dabei überwinden die Entführungsopfer ihre Todesangst, indem sie die Täter verstehen wollen und sich schließlich mit ihnen identifizieren. Leichtgläubige und unvorsichtige Menschen fasst man in der Gruppe der potenziellen oder latenten Opfer zusammen. Provozierende Opfer sieht man beispielsweise bei sexuell aufreizendem Gehabe oder bei Tötungen auf Verlangen. Schließlich gibt es falsche Opfer, etwa wenn jemand wegen Versicherungsbetrug vor Gericht landet.

„Opfer zu sein, gibt Schicksalsschlägen einen Sinn. Der Opferstatus nötigt zur Hilfsbereitschaft und vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit.“

In jüngerer Zeit hat die Opferrolle aber noch einen weiteren, ungeahnten Aspekt bekommen: Sie ist attraktiv geworden. Sehr viele fühlen sich ständig als Opfer, von falscher Politik oder sozialer Ungerechtigkeit, von schlechten Lehrern und inkompetenten Vorgesetzten, von ungerechten Gerichten oder medizinischen Kunstfehlern. In manchen Fällen kann sich dies bis zum Verfolgungs- oder Querulantenwahn steigern. Manche Opfer, echte und unechte, haben es sogar zu einem gewissen Ruhm gebracht und sind zu Medienstars geworden.
Tiefenpsychologisch liegt all dem wohl der Wunsch zugrunde, mehr beachtet, mehr geschützt und umsorgt, letztlich mehr geliebt zu werden. Opfer zu sein, gibt Schicksalsschlägen einen Sinn. Der Opferstatus nötigt zur Hilfsbereitschaft und vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit. Denn wer am Boden liegt, erhält – zumindest in einer solidarischen Gesellschaft – Trost, Fürsorge und Empathie. Und darum geht es dem Opfer: Es will mehr Zuwendung.

Die Opferrolle ist heute differenziert zu betrachten. Viel zu viele sind tatsächlich zu Opfern geworden. Interpretation und Funktion der Opferrolle sind aber auch Ausdruck der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie ist zu verstehen als Schrei nach Empathie in einer als kalt und lieblos empfunden Welt.

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut

und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.

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