Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Richtigkeit kommt vor Schnelligkeit

Vorarlberg / 24.10.2022 • 20:41 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Hamster oder Windhund, das ist hier die Frage. Oder vielleicht trifft auch beides irgendwie zu. Wenn Medienmenschen sich in diesen turbulenten politischen Zeiten ehrlich selbst beschreiben müssten, hätten sie ziemlich oft etwas von engagierten Goldhamstern, die jeden Tag in ihrem Hamsterrad rennen. Oder etwas von einem Rudel flinker Windhunde, die über die Rennbahn fegen und vor allem das Ziel haben: Erster! Angetrieben von der Geschwindigkeit der Social-Media-Plattformen hat die Schnelligkeit im politmedialen Betrieb immer mehr zugenommen, das zeigt sich jetzt wieder rund um innenpolitische Ereignisse wie das Protokoll des Ex-ÖBAG-Chefs Thomas Schmid, das vergangene Woche öffentlich wurde.

Waren es früher Wahlkämpfe, die das Tempo erhöhten, sind es heute dauernd wechselnde Affären und Aufregungen. Journalistinnen und Journalisten wollen relevante Arbeit leisten, mit ihren Einordnungen vorne mit dabei sein – und dennoch muss man sich eingestehen: Manchmal kann man mit dem Tempo nicht mehr mithalten, man hechelt den Entwicklungen hinterher. Zumindest wenn man seriös bleiben und sich nicht im Reich der Vermutungen und Spekulationen verheddern will. Journalismus als die Suche nach „der besten verfügbaren Version der Wahrheit“, wie der Watergate-Aufdecker Carl Bernstein es formuliert hat, ist ein beliebtes Branchen-Credo. In der Arbeitsrealität geht es allerdings oftmals nicht nur um die Wahrheitssuche, sondern darum, schneller zu sein als die Konkurrenz.

Die innere Checkliste

Als Medienmensch sollte man zumindest zwischendurch die Möglichkeit haben, einen Schritt zurückzutreten und seine innere Checkliste durchzugehen: Was mache ich da und für wen? Was mache ich für mein Publikum und was vielleicht nur für mich? Was kann ich wissen, wo ist noch Vorsicht geboten? Und im Zweifelsfall muss für Qualitätsmedien gelten: Lieber weniger und zurückhaltender als falsch zu berichten. Richtigkeit kommt vor Schnelligkeit, in der Eile passieren mehr Unschärfen und Fehler.

Klassische Medien können ohnehin nicht mit der Geschwindigkeit irgendwelcher ungedeckter Informationen mithalten, die auf Social Media verbreitet werden. Und wir Medienmenschen müssen uns auch mit neuen Angeboten darauf einstellen, dass gerade die Jüngeren sich vorzugsweise auf YouTube, TikTok oder Instagram informieren. Laut dem aktuellen Digital News Report beziehen knapp 42 Prozent aller 18- bis 24-Jährigen in Österreich ihre Nachrichten über Social-Media-Kanäle. Junge Menschen für qualitative Inhalte abseits schneller Klicks zu gewinnen, das ist eine der wichtigsten journalistischen Aufgaben der Gegenwart und Zukunft.

„Im Zweifelsfall muss für Qualitätsmedien gelten: Lieber weniger und zurückhaltender als falsch zu berichten.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.

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