Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Schwierige Verhältnisse

Vorarlberg / 25.10.2022 • 19:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Eine Geschichte in zehn Teilen. Teil 5

Am nächsten Tag saß Andi wieder an der Bushaltestelle. Er wartete auf Luise. Er wohnte in der entgegengesetzten Richtung, und das hieß er musste eine halbe Stunde früher aufstehen.

Luise wollte sicherheitshalber abweisend wirken.

Auch nach der Schule begleitete er sie.

„Hast du kein Fahrrad?“, fragte sie. „Du könntest das Fahrrad von meinem Vater nehmen, es ist noch wie neu. Es steht bei uns nur herum.“ Fast hätte sie gesagt vom Mann meiner Mutter.

Die Mutter kam gerade von der Arbeit, an der Haustür begegnete sie sich.

„Das ist Andi“, sagte Luise. „Er kann doch Papas Fahrrad haben, oder?“

Dann saßen sie zu dritt im Wohnzimmer, die Kekse schmeckten staubig, sie lagen seit einer Woche offen neben dem Radio.

Die Mutter lächelte, wie es Luise nicht mochte, eigentlich grinste sie. Auch dass sie lange nichts sagte, sondern Andy nur ansah und leicht nickte, auch das mochte Luise nicht.

„Du bist also der Freund von meiner Luise“, sagte die Mutter schließlich. „Sie hat mir gar nichts von dir erzählt.“

„Er ist ein Schulkollege, der kein Fahrrad hat“, sagte Luise.

„Aber ein hübscher Kerl ist er! Hat dir sicher schon oft einer gesagt, dass du wie der junge Bob Dylan aussiehst.“

Andi antwortete ruhig. „Wer ist der junge Bob Dylan?“

Als Andi mit dem Fahrrad abgezogen war, sagte die Mutter: „Ich freu mich für dich, Luise. Magst durch meinen Kleiderschrank schauen, ob du etwas findest? Mir ist eh alles zu eng. Dir hat doch das Schwarze so gut gefallen.“

Luise ließ sich umarmen. Aber erst nach einer langen Zeit schmiegte sie sich ein wenig an das Mutterherz.

Ab jetzt fuhren Andi und Luise mit dem Rad zur Schule. Sie schoben die Räder auf den Berg hinauf und sausten mit Karacho hinunter.

Einmal nahm Andi sie mit zu sich nach Hause.

„Es ist nicht so ordentlich wie bei euch“, sagte er.

„Ich bin ja nicht von der Fürsorge“, sagte Luise. Sie wollte unbedingt lässig sein, denn so konnte es mit ihr nicht weitergehen.

Andis Vater war zu Hause. Er hatte einen Putzlappen unter den Sohlen und reinigte so mit jedem Schritt den Boden. Er trug ein Unterhemd. Es sah aus, als würde er kochen oder gleich damit anfangen.

„Du hast dich wirklich“, rief Andi aus, „wirklich tätowieren lassen! Ich fasse es nicht!“

Der Vater drehte sich zu Luise und sagte: „Aber es ist doch nicht schlecht, oder? Eine Schlange im Kaktus. Das habe ich mir selber ausgedacht. Kostet natürlich mehr. Ich weiß nicht, was es bedeutet. Aber wenn man das weiß, dann geht es einem bald auf die Nerven. Man hat es ja ein Leben lang drauf picken auf der Haut.“

„Komm, wir hauen ab“, sagte Andi.

Er knallte die Tür zu. Das Kreuz fiel von der Wand.

„‚Du hast dich wirklich‘, rief Andi aus, ‚wirklich tätowieren lassen! Ich fasse es nicht!‘.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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