Mitten in Bregenz: Forscher sind Leprabakterien auf der Spur

Vorarlberg / 28.10.2022 • 15:05 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Dorthe Dangvard Pedersen hat hinter der Siechenkapelle drei Gruben ausgehoben.<span class="copyright"> VN/GER</span>
Dorthe Dangvard Pedersen hat hinter der Siechenkapelle drei Gruben ausgehoben. VN/GER

Ausgrabungen mit besonderer Mission. Schauplatz ist die Siechenkapelle.

Bregenz Zwischen Siechenkapelle und Siechenhaus in Bregenz wird seit Anfang dieser Woche gegraben. Der Grund dafür ist alles andere als alltäglich. Die biologische Anthropologin Dorthe Dangvard Pedersen reiste dafür extra aus Kopenhagen an. Im weiteren Sinn hat auch die Kirche etwas damit zu tun.

Bild von 1690 von Johann George Kuhn von der Siechenkapelle. <span class="copyright">Stadtarchiv</span>
Bild von 1690 von Johann George Kuhn von der Siechenkapelle. Stadtarchiv

Rückblick: Hinter der Siechenkapelle, direkt neben dem Siechenhaus an der Franz-Ritter-Kreuzung, wurden im Mittelalter Menschen beerdigt, die an Lepra erkrankt waren. Das belegt unter anderem die Stiftungsurkunde der Kapelle aus dem Jahr 1400. „Darin ist die Rede davon, dass eine Kapelle für die Siechen gestiftet wird und dass bei der Kapelle auch ein Friedhof, ausschließlich zur Beerdigung der Leprakranken, angelegt werden soll“, berichtet der Bregenzer Stadtarchivar Thomas Klagian am Rande des Pressetermins am Donnerstag. Eine historische Zeichnung von Johann George Kuhn zeigt denn auch bildlich, dass die Gräber zumindest 1690 noch vorhanden waren.  

<p class="caption">Das Siechenhaus gehört mittlerweile den illwerke vkw. 1992 wurde es renoviert.</p>

Das Siechenhaus gehört mittlerweile den illwerke vkw. 1992 wurde es renoviert.

Knochensuche

Dorthe Dangvard Pedersen forscht normalerweise an der Universität Kopenhagen. In Bregenz gräbt sie im Auftrag von plan:g, einer Stiftung der Diözese Feldkirch, die aus dem Aussätzigen-Hilfswerk bzw. der Leprahilfe hervorgegangen ist. Das Ziel der Ausgrabungen: Menschliche Knochen zu finden, an denen die heimtückische Krankheit Lepra ihre Spuren hinterlassen hat.

Dieses Knochenstück – vermutlich von einem Schienbeinknochen – hat die Expertin aus Dänemark hinter der Siechenkapelle gefunden.
Dieses Knochenstück – vermutlich von einem Schienbeinknochen – hat die Expertin aus Dänemark hinter der Siechenkapelle gefunden.

Ob das nicht gefährlich ist? Die biologische Anthropologin lacht. Nein, sagt sie. Die mittelalterlichen Krankheitserreger seien nicht mehr ansteckend. Im besten Fall wäre nur noch ihr genetischer Fingerabdruck vorhanden, anhand dessen DNA-Spezialisten Bruchstücke des Bakteriums extrahieren und mit den heutigen Bakterienstämmen vergleichen könnten.

Das eigentliche Gräberfeld wird unter den großen Steinplatten auf dem Platz vermutet.
Das eigentliche Gräberfeld wird unter den großen Steinplatten auf dem Platz vermutet.

Das wäre zum einen medizinhistorisch von Interesse. Zum anderen könnten davon auch leprakranke Menschen von heute und solche, die an anderen Krankheiten leiden, profitieren, wie der stellvertretende Geschäftsführer von plan:g, Peter Boettcher, erläutert. „Es sind immer noch 200.000 Menschen die jährlich an Lepra erkranken“, unterstreicht er. Die Krankheit hätte zum Glück in der Wirkung abgenommen und nicht mehr die Wucht, ganze Gesellschaften aus den Fugen zu bringen. Die Menschen würden aber nach wie vor unter den Folgen von Ausgrenzung und am Mangel an medizinischer Versorgung leiden. „Es gibt auch sogenannte verborgene Infektionskrankheiten wie Bilharziose oder Flussblindheit, bei denen man am äußeren Erscheinungbild der Menschen merkt, dass sie sich angesteckt haben. Durch dieses Andersartigsein werden sie isoliert.“

Peter Boettcher, der stellvertretende Geschäftsführer von plan:g.
Peter Boettcher, der stellvertretende Geschäftsführer von plan:g.

Erster Schritt

Die Expertin aus Dänemark hat in den vergangnen Tagen schon allerhand aus der Erde geholt. Zerschnittene Tierknochen – vermutlich Küchenabfälle, eine glasierte Tonscherbe, eine neuzeitliche Münze oder einen Eisennagel, der von einem Sarg stammten könnte, waren ebenso dabei wie Stücke von menschlichen Handgelenks- oder Schienbeinknochen. Dass der große Fund noch nicht dabei war, könnte daran liegen, dass bislang lediglich Vorgrabungen am Rand des einstigen Friedhofs stattgefunden haben. Das eigentliche Gräberfeld wird unter den großen Steinplatten auf dem Platz vermutet. Deren Öffnung ist in einem zweiten Schritt geplant, vorausgesetzt, der Eigentümer illwerke vkw stimmt zu und das nötige Geld ist vorhanden. „Das wäre ein großes Ding, wenn wir die Platten anheben könnten“, unterstreicht Boettcher.

Dieser Schädel eines Leprakranken stammt aus dem 14. Jahrhundert und wurde in Dänemark ausgegraben. Die Krankheit hat im Nasenbereich und am Oberkiefer deutliche Spuren hinterlassen.
Dieser Schädel eines Leprakranken stammt aus dem 14. Jahrhundert und wurde in Dänemark ausgegraben. Die Krankheit hat im Nasenbereich und am Oberkiefer deutliche Spuren hinterlassen.

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