Literarisch wandern

Vorarlberg / 01.11.2022 • 15:11 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Adventlesung mit Enkelin Leni.privat
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Autorin Anni Mathes initiiert einen internationalen literarischen Wanderweg mit dem Titel „Stille Laute“ in Bludesch.

BLUDESCH Als Mundart-Autorin reüssiert Anni Mathes schon lange weit über die Landesgrenzen hinaus. Ende September erhielt sie in Salzburg bei einem österreichweit ausgeschriebenen Preis für Kurzgeschichten in Mundart den begehrten ersten Platz und einen mundartHunderter bei unart-produktion. Doch auch in der Hochsprache erkannte sie während der Pandemie wesentliches Potenzial. Ihr Heimat- und Wohnort Bludesch liegt ihr ganz besonders am Herzen. Nicht zuletzt aus diesem Grund initiierte sie fünf internationale Mundart-Symposien in Bludesch und setzte auch dem Walgauer Literatur-Nachwuchs-Wettbewerb neue Akzente in Sachen literarischer Förderung von Kindern und Jugendlichen. Nun erfolgt eine weitere Projektumsetzung: Unter dem Titel „Stille Laute“ initiierte sie einen internationalen, literarischen Wanderweg in Bludesch. Die VN sprach mit der Autorin über ihre Zielsetzungen im Rahmen dieses ambitionierten Projekts.

Wie entstand die Idee zu diesem Wanderweg?

MATHES Es gibt im St. Wendeler Land im Saarland eine völkerverbindende Straße der Skulpturen, die mich schon 2003 zutiefst berührt hat. Die Idee, in Vorarlberg einen internationalen Literaturweg zu realisieren, wurde bereits 2013 auf meiner täglichen Wanderung auf dem Runkelinaweg in Bludesch mit einem Sonnenaufgang geboren. Doch aufgrund einer schweren Erkrankung und fehlender finanzieller Mittel konnte ich frisch gestärkt erst im Herbst 2021 mit den Projektvorbereitungen beginnen.

Was beinhaltet dieses Projekt genau?

MATHES Auf einer ca. 1,4 Kilometer langen Teilstrecke des Jakobsweges können originelle Texthäuser aus langlebigem Lärchenholz Wandernde erfreuen. Es handelt sich um zwei Infotafeln und acht Texttafeln, die jeweils im Frühling und im Herbst mit dem Wandel der Natur ausgewechselt werden. Mittels eines QR-Codes auf den Textblättern können die Texte auch auditiv auf meiner Webseite www.stille-laute.at vernommen werden. Sowohl ein Video von Ländle-TV als auch ein privates Video informieren über den Literaturweg. Die Texthäuser werden zurzeit im AZV Hohenems, einer Institution mit großartigem sozialem Engagement, hergestellt. Die konstruktive Kooperation mit dem dortigen Team ist unbeschreiblich.

Welche Form der Literatur wollen Sie auf den zehn Tafeln präsentieren?

MATHES Wir präsentieren hauptsächlich lyrische Texte in Hochsprache, aber auch in einer Fremdsprache und Mundart mit jeweils hochsprachlicher Übersetzung. Auch die Einbindung der „Einfachen Sprache“ sowie die Beteiligung von Schulkindern sind mir enorm wichtig. Ich kann mir jedoch lebhaft vorstellen, dass eines Tages auch Kurzprosa, Märchen und Sagen zu einem Thema halbjährlich ausgestellt werden. Auf den beiden Infotafeln steht Wichtiges über die Entstehung und Zielsetzung dieses Literaturweges. Doch mit jedem Wechsel der Texte wird auch auf den Infotafeln ein kurzer, prägnanter Spruch zu lesen sein.

Welche Ziele verfolgen Sie mit dieser Initiative?

MATHES Es soll ein Weg für alle Menschen werden, nicht nur für literarisch Privilegierte. Kulturvermittlung ist imstande, das Feingeistige in uns zu sensibilisieren. Gerade in einer Zeit weltweiter Auseinandersetzungen und wachsender Unsicherheit kann ein Volk, das sich für die eigene und für fremde Kulturen öffnet, empathischer gegenüber dem Fremden und Anderssein agieren. Ich möchte die Literatur zu den Menschen bringen, deshalb haben mein Mann und ich den Kulturverein „Kulturbrücke Bludesch“ gegründet. Weitere Ziele des Vereins sind Lesewanderungen, Natur-Writing Workshops und literarische Landpartien auf dem Weg „Stille Laute“. In unserer globalisierten Welt soll der Individualität des Menschen wieder vermehrt Wertschätzung und Respekt geschenkt und der Fokus auf das Verbindende gelenkt werden.

Würden Sie sich selber als Organisationstalent bezeichnen?

MATHES Ja, ich organisiere von Herzen gern, weil mir alles, wofür ich brenne, enorm große Freude bereitet. Da scheue ich weder Stunden noch Mühe. Als Gefühlsmensch gibt es für mich nichts Schöneres, als meine Mitmenschen glücklich zu sehen. Deshalb bin ich auch Gastgeberin mit Leib und Seele. Alle meine Projekte sind nur möglich, weil mein Mann Klaus mir stets als meine hilfreichste Stütze zur Seite steht.

Wird „Stille Laute“ als Rundwanderweg angelegt?

MATHES Nein, es ist ein gut begehbarer, fast ebener, sonniger, aber auch schattenspendender Weg, auf dem fünf Texthäuser rechts und fünf am linken Straßenrand stehen. Man kann also entweder alle zehn Texte während eines Spaziergangs nach Gais oder Schlins in Ruhe verinnerlichen oder einfach fünf Texte auf dem Hin- und fünf auf dem Rückweg genießen.

Sie konnten mit Hildegard Keller eine internationale Größe im Literaturbereich als Schirmherrin gewinnen. Wie kam dieser Kontakt zustande?

MATHES Hildegard Keller habe ich auf einem Literatur-Spaziergang durch Zürich kennengelernt. Uns zwei verbindet die Begeisterungsfähigkeit. Wir werden bestimmt viele Jahre kooperieren. Dies zeigt sich bereits im Frühjahr 2023, da ein besonderer Text der Argentinierin Alfonsina Storni, gesprochen von Frau Dr. Keller auf Spanisch und in unserer Hochsprache, ein Highlight bei der Erstbestückung der Texthäuser sein wird.

Wie empfinden Sie die Unterstützung für dieses Projekt durch den Bludescher Bürgermeister Martin Konzet?

MATHES Durch unseren oft wöchentlichen Kontakt habe ich mit ihm den idealen Ansprechpartner in vielerlei Hinsicht. Er unterstützte mich motivierend und menschlich schon in der Zeit der Vorbereitung, wo es viele Höhen, aber auch sehr widrige Umstände gegeben hat. Auch die finanzielle und ideelle Unterstützung seitens der Gemeinde ist nicht selbstverständlich. In Bludesch wird das „Miteinander“ wohltuend gelebt. Dies hat sich einmal mehr durch die unkomplizierte Einwilligung der Grundbesitzer für das Aufstellen der Texthäuser gezeigt, worüber ich sehr froh bin.

Einen solchen Wanderweg anzulegen ist nicht gerade billig. Wie finanziert sich dieses Projekt?

MATHES Die Gesamtfinanzierung beläuft sich auf circa 13.900 Euro. Mit Subventionszusagen der Gemeinde, vom Land Vorarlberg, von Literatur Vorarlberg, der Raiffeisenbank Walgau und auch mithilfe eigener Mittel waren 6100 Euro schon vor Projektbeginn sehr beruhigend. Ein zusätzliches Crowdfunding, bei welchem die Raiba mit Respekt.net kooperiert, startete am 1. September. Das Ziel von 7800 Euro war schon nach etwa vier Wochen erreicht. Somit ist die Gesamtfinanzierung gesichert. Auch dafür bin ich sehr dankbar. BI

Autorin Anni mit ihrem Mann Klaus Mathes.BI
Autorin Anni mit ihrem Mann Klaus Mathes.BI
Anni Mathes spielt auch im Kabarett mit.
Anni Mathes spielt auch im Kabarett mit.

Zur Person

Anni Mathes
Geboren
24. September 1956

Familie seit 1977 verheiratet mit Klaus, vier Kinder u. Schwiegerkinder, sechs Enkel und zwei Leihenkel

Beruf Dipl. Krankenschwester, dipl. Kinesiologin und Kinderbetreuerin in Pension

Hobbys Kochen und Backen, Gartenfreude, Tanzen, Singen, Lesen und vor allem das Schreiben (viele Veröffentlichungen, Arbeits-Stipendium durch das Land Vorarlberg 2013)

INFORMATION „Stille Laute“ wird am 23. April 2023 um 11 Uhr eröffnet.

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