Noch einmal ein Hoch im Wohnbau

Vorarlberg / 01.11.2022 • 18:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Gegen den Bundestrend gab es in Vorarlberg auch im zweiten Quartal viele Baubewilligungen.

SCHWARZACH In den vergangenen Jahren gab es einen Wohnbauboom. Ein Frühindikator in diesem Bereich sind die Baubewilligungen. Österreichweit ist es im Frühjahr zu einem Rückgang gekommen. Nicht so in Vorarlberg. Hier ist das Niveau mit 836 Wohnungen im ersten und 981 im zweiten Quartal sehr hoch geblieben.

Zweithöchster Wert der Geschichte

Nicht einmal Experten haben damit gerechnet: „Diese Entwicklung ist überraschend. Wenn es nach den ersten zwei Quartalen so weitergeht, läuft es auf mehr als 4000 bewilligte Wohneinheiten im gesamten Jahr hinaus. Nach 4179 (2021) wäre das der zweithöchste Wert der Geschichte. Sonst waren es bisher immer weniger als 4000“, sagt Wolfgang Amann vom „Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen.“

Davon auszugehen, dass das Niveau so hoch bleibt, ist jedoch nicht. Amann verweist auf verschärfte Finanzierungsrichtlinien, die seit August gelten: Käufer einer Immobilie müssen Eigenkapital über 20 Prozent des Kaufpreises nachweisen können, monatliche Kreditraten dürfen maximal 40 Prozent des verfügbaren Nettohaushaltseinkommens ausmachen.

Michael Klien vom Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO meint ebenfalls, dass sich das auf die Baubewilligungen auswirken könnte. Vereinfacht ausgedrückt wurden viele Projekte möglicherweise noch bis Juli zur Bewilligung gebracht und seither deutlich weniger. In der Statistik gibt es noch keine Angaben dazu. Klien verweist jedoch auf die Nationalbank: Ihren Erhebungen zufolge hat sich das Volumen neu vergebener Wohnbaukredite von Juli auf August in ganz Österreich auf 1,3 Milliarden Euro halbiert und ist damit ungewöhnlich klein geworden.

Martina Rietzler, Geschäftsführerin von „Raiffeisen Immobilien“, bestätigt, dass sich die neuen Finanzierungsrichtlinien auswirken: Einige Bauträger hätten entweder vorher alle notwendigen Schritte gesetzt oder auch ganze Projekte verschoben. Potenzielle Kunden wiederum würden „gar nicht erst den Weg zur Bank suchen, um sich zu informieren. Es gilt nur „können wir uns nicht leisten“. Das ist aber häufig gar nicht so. Unser Appell ist deshalb, zuerst mal mit dem Bankmitarbeiter reden. Hier werden oft Wege gefunden, die dann letztlich doch zum gewünschten Eigentum führt.“

Auswirkungen dürften aber auch wachsende Unsicherheiten und andere Umstände haben: Klien analysiert regelmäßig die Stimmung in der Bauwirtschaft. Zu Jahresbeginn sei sie „sehr, sehr gut“ gewesen. Seither werde sie von Monat zu Monat weniger optimistisch.

Anstieg der Lohnkosten

„Für Wohnbauträger hat es noch nie so risikoreiche Zeiten gegeben“, analysiert Amann: Sie seien mit vielen Herausforderungen konfrontiert, die sie finanziell belasten. Bei den Materialkosten könnte der Höhepunkt zwar schon überschritten sein, jetzt aber ein Anstieg der Lohnkosten folgen. Amanns Empfehlung: „Kunden sind gut beraten, sich die Bonität der Bauträger genau anzuschauen, um bei einem Kaufabschluss möglichst auf der sicheren Seite zu sein.“ JOH

„Für Wohnbauträger hat es noch nie so risikoreiche Zeiten gegeben.“

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