Auf Kurzurlaub im Kriegsland

Vorarlberg / 03.11.2022 • 17:56 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Gerhard Bösch (Mitte) in einer teilweise zerstörten Filiale bei Charkiv nach der Rückeroberung durch die Ukraine.Bösch
Gerhard Bösch (Mitte) in einer teilweise zerstörten Filiale bei Charkiv nach der Rückeroberung durch die Ukraine.Bösch

Gerhard Bösch teilt in Kiew die relative Gelassenheit der Bewohner. Obwohl die Ukrainer Putin jede Missetat zutrauen.

KIEW Der Lustenauer Banker Gerhard Bösch (65), Direktor der größten Bank in der Ukraine, erlebt tagtäglich den brutalen Angriffskrieg Putins mitten in Kiew. Nach Wochen der Ruhe schlagen längst wieder Raketen in der Millionenmetropole ein. Dazu kommen noch iranische Drohnen. Mit diesem Teufelswerk versucht Kriegstreiber Wladimir Putin die Energie- und Wasser-Infrastruktur Kiews zu zerstören und damit die Bevölkerung zu demoralisieren. „Vor allem zu Wochenbeginn schlagen derzeit Dutzende Geschosse ein. Niemand glaubt hier, dass das so schnell aufhört“, berichtet Bösch.

„Andererseits kenne ich niemanden, der ans Aufgeben denkt. Auch wenn es immer wieder Stromabschaltungen gibt und die Wasserversorgung durch die Bombentreffer beeinträchtigt ist“, ergänzt der Banker.

Die Menschen in Kiew würden Putin alles zutrauen. „Man arbeitet fieberhaft daran, die zerstörte Energieinfrastruktur wiederherzustellen. Es wird Energie-Hardware vom Ausland importiert, viele haben sich Diesel-Generatoren besorgt, um sie bei Bedarf in Betrieb zu nehmen. Auch ich habe ein solches Gerät.“ Beim Wasser würden die Menschen vorsorglich große Kübel und Töpfe mit dem kostbaren Nass füllen. Zusätzlich werden zahlreiche Plastik-Wasserflaschen gehortet.

Das Leben gehe in Kiew fast seinen normalen Gang. „Auf den Straßen fahren Autos, die Cafés und Supermärkte sind dicht bevölkert“, erzählt Bösch. Er selber sei kürzlich für einen Kurzurlaub in der ehemaligen Habsburger-Stadt Czernowitz im Westen der Ukraine gewesen. „Drei Tage Erholung.“

Bösch hat nicht vor, die Ukraine zu verlassen. „Es wird ja derzeit in allen unseren 11.120 Filialen gearbeitet. Nur die Geschäftsstellen in den besetzten Gebieten sind geschlossen“, sagt der Direktor der ukrainischen PrivatBank.

Vorfreude auf die Heimat

Im Winter möchte der Bruder des Austria Lustenau-Vorstandssprechers Bernd Bösch für kurze Zeit nach Vorarlberg zurückkehren. Er werde dann mit dem Auto über die Grenze nach Polen fahren und per Flugzeug nach Österreich gelangen. In der Ukraine ist die zivile Luftfahrt seit Beginn des Krieges unterbunden. Bösch freut sich auf Familie und den Duft der Heimat. „Und wenn’s Schnee hat, gehe ich dann auch gerne Skifahren.“ Eine willkommene Abwechslung zum Leben in einem Land mit täglicher Bedrohung.

„Wir füllen Kübel und Töpfe mit Wasser. Dazu horten wir auch Plastik-Wasserflaschen.“

Gerhard Bösch (r) zusammen mit dem ukrainischen Rockstar Andriy Klhyvnyuk, der jetzt als Soldat für sein Land kämpft. Bösch
Gerhard Bösch (r) zusammen mit dem ukrainischen Rockstar Andriy Klhyvnyuk, der jetzt als Soldat für sein Land kämpft. Bösch
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