Es gab nur einen Haufen Schrott-Instrumente

Vorarlberg / 06.11.2022 • 17:06 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Gründungsmitglied Edwin Schwarzmann, Fahnenpatin Sylvia Schramm und das erste Ehrenmitglied der Musik, Werner Schwarzmann (l.). STP/5
Gründungsmitglied Edwin Schwarzmann, Fahnenpatin Sylvia Schramm und das erste Ehrenmitglied der Musik, Werner Schwarzmann (l.). STP/5

Als im Walserdorf Schröcken vor 60 Jahren der Musikverein gegründet wurde.

Schröcken Mit einem außergewöhnlichen Konzert hat der Musikverein Schröcken – wie berichtet – im vollbesetzten Gemeindesaal sein 60-Jahr-Jubiläum gefeiert. Nun hat Langzeit-Kapellmeister Heinz Feuerstein nach 46 Jahren den Taktstock in jüngere Hände gelegt. „Jüngere Hände“ hat hier wortwörtliche Bedeutung als Mehrzahl, denn seine Nachfolge haben gleich drei Kapellmeisterinnen übernommen. Sie stehen abwechselnd am Dirigentenpult. Das hat seinen Grund auch darin, dass sie auf ihr Instrument nicht gänzlich verzichten und weiterhin im Ensemble spielen wollen, wenn die Freundin dirigiert.

Spektakulär und alternativlos

Wie es zu dieser Lösung gekommen ist, schildert der scheidende Kapellmeister im Gespräch mit der VN-Heimat. „Es war absehbar, dass ich nach mehr als 40 Jahren dieses Amt irgendwann einmal abgeben wollte. Dabei gab ich mich keinen Illusionen hin: Es würde kaum möglich sein, einen Kapellmeister ins abgelegene Schröcken zu lotsen, also musste mein Nachfolger aus dem eigenen Nachwuchs kommen.“

Mit großem Engagement wurde in Zusammenarbeit mit dem Landesverband in der Region Hochtannberg/Tiroler Lechtal ein Kapellmeisterkurs ausgeschrieben. „Acht Interessenten haben sich gemeldet, drei davon – meine Töchter Sonja und Natalie sowie deren beste Freundin Angela Schwarzmann – haben bis zum erfolgreichen Prüfungsabschluss durchgehalten und gleichzeitig beschlossen, dass sie nur gemeinsam als Dirigentinnentrio die Herausforderung annehmen wollen.“ Wie das funktioniert, stellten sie beim Jubiläumskonzert eindrucksvoll unter Beweis.

Nicht die einzige Kuriosität

Es ist eine wohl einzigartig, dass ein Musikverein von drei Kapellmeisterinnen geführt wird. Aber es ist keineswegs die einzige Besonderheit der „d’Schreckar Musig“, denn schon die Gründung des Musikvereins war ein Abenteuer. Es begann damit, dass der Kirchenchor wegen fortschreitendem Personalschwund aufgelöst wurde. Eine kleine Gruppe von Übriggebliebenen fasste den kühnen Beschluss „dänn machad mir halt a kleis Müsigle“.

Leichter gesagt als getan, denn die Idealisten verfügten über wenig Vorkenntnisse. Kirchenchorleiter Josef Feuerstein war der einzige, der als Organist mit dem Violinschlüssel etwas anfangen konnte. Er versuchte mühsam, seine Musikanten, von denen die wenigsten Noten lesen konnten, zu unterrichten. Zu den Stützen des neuen Musikvereins zählte u. a. Gründungsmitglied Edwin Schwarzmann, der ein wenig Klarinette spielen konnte. Zum Grundunterricht gehörte zwei- bis dreimal wöchentlich Theorie-Unterricht im Notenlesen, Tonarten, Griffe usw., weiters Hausaufgaben in beträchtlichem Umfang, ehe an den nächsten Schritt zu denken war: Instrumente beschaffen.

Noch schlimmer stand es dann um diese Instrumente – der MV Schröcken hatte bei anderen Vereinen um Spenden gebeten und auch Instrumente bekommen. „Aber das waren ausgemusterte, verbeulte und stark reparaturbedürftige Instrumente, teilweise ohne Tasten oder Mundstück, die mühsam spielbar gemacht werden mussten“, erinnert sich Heinz Feuerstein, Sohn des Kapellmeisters und damals elf Jahre alt.

„Irgendwie haben es die Gründungsmitglieder hinbekommen und bald war die Kapelle spielbereit.“ Eines der Instrumente war irreparabel und blieb deshalb bei uns im Haus liegen, erinnert sich Heinz Feuerstein. Was ihn nicht daran hinderte zu versuchen, dem „Schrott“ Töne zu entlocken. Das ging so lange, bis seine genervte Mutter das „schreckliche Gedudel“ nicht mehr aushielt und ihren Gatten, Kapellmeister Josef Feuerstein, bat: „Nimm ihn doch endlich mit auf die Probe.“ So begann die Musikkarriere des nun zurückgetretenen Dirigenten, der 1976 ins kalte Wasser geworfen wurde: Sein Vater Josef Feuerstein kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben und Sohn Heinz musste von einem Tag auf den anderen – mitten in der Probenarbeit für ein Konzert – das Kapellmeisteramt übernehmen.

Familiensache

Dass 1962 Josef Feuerstein das Dirigentenamt übernahm, hatte damals einen verständlichen Grund: der ehemalige Kirchenchorleiter war der einzige Schröckener, der dafür die fachliche Qualifikation mitbrachte. Als ihm sein Sohn Heinz nachfolgte, war dies ebenso alternativlos – dass das Dirigentenamt nach 60 Jahren in der Familie bleibt, wurde hingegen langfristig vorbereitet: Josef Feuersteins Enkelinnen Sonja Feuerstein-Oss, Natalie Feuerstein und deren Freundin Angela Schwarzmann wechseln sich am Dirigentenpult ab.

Jahrelang auf Fahne gewartet

Und noch eine heitere Begebenheit weiß die Chronik zu berichten: weil alles Geld aus Eigenmitteln der Musikanten und Spenden von Gönnern in die Reparatur der Instrumente investiert wurde, blieb nichts mehr für eine Vereinsfahne übrig. Diese wurde dann zum größten Teil aus den privaten Taschen von Fahnenpatin Sylvia Schramm und Fähnrich Fritz Schlierenzauer finanziert. Fünf Jahre nach Vereinsgründung war es soweit, 1967 gab es eine große Fahnenweihe. STP

Heinz Feuerstein mit Gattin Herlinde – im Hintergrund die Vereinsfahne aus dem Jahre 1967.

Heinz Feuerstein mit Gattin Herlinde – im Hintergrund die Vereinsfahne aus dem Jahre 1967.

Das Dirigentinnentrio Sonja, Natalie und Angela.
Das Dirigentinnentrio Sonja, Natalie und Angela.
Es gab nur einen Haufen Schrott-Instrumente
Es gab nur einen Haufen Schrott-Instrumente

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