„Dafür ist man doch Christ, oder?“

Vorarlberg / 09.11.2022 • 22:05 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Eva Harasta eröffnete die ökumenischen Gespräche 2022.VN/Evangelische Akademien
Eva Harasta eröffnete die ökumenischen Gespräche 2022.VN/Evangelische Akademien

Eva Harasta über den christlichen Auftrag in einer Schöpfung, die eben zugrunde geht.

Bregenz Eva Harasta eröffnet die Ökumenischen Gespräche 2022. Sie sind dem Klima gewidmet. Harasta ist evangelische Pfarrerin in Wien. Das Ende der Welt stellt sie sich eigentlich mit Pauken und Trompeten vor. „Jetzt aber naht es bei gutem Wetter. Anfang November sitzt man am See und genießt den angenehmen Spätsommer. Was könnte uns beunruhigen?“ Der Gedanke, dass wir italienisches Klima bekämen, mit Oliven und Pinien, habe doch seine Reize. Die Klimakrise ist in ihren Augen schwer zu fassen. „Sie ist überall und nirgends.“ Wenn man hört, dass die Skisaison später beginnen und früher enden wird, denkt man sich: „Na gut, Hauptsache, man kann überhaupt noch skifahren.“ Wenn die Medien berichten, dass das Schicksal der Gletscher besiegelt und es in wenigen Jahrzehnten „aus ist mit dem eisgekrönten Alpenland“, dann kann man sich das nicht vorstellen.

Dabei ist hinlänglich bekannt, was jeder Einzelne tun könnte. „Wenn jede oder jeder von uns pro Jahr 19,5 Kilo Fleisch essen würde statt 59 Kilo, dann würde unsere Ernährung 28 Prozent weniger Treibhausgasemissionen auslösen“, rechnet Harasta vor. Oder ein Tempolimit von 100 km/h, „das wäre für Autofahrer sogar billiger“ und würde die CO2-Emissionen im Verkehr um ein Viertel verringern.

Und doch: Beim Klimaschutz prallen Welten aufeinander. „Die einen wollen sich nicht damit beschäftigen, andere argumentieren heiß und leidenschaftlich. Zwanzigjährige nennen sich die letzte Generation und setzen verzweifelte Aktionen.“ Die Frage ist: Wo positioniert sich die Kirche zwischen apokalyptischen Mahnungen und Verdrängung? Kirchenmitglieder sind auf allen Seiten zu finden.

Eine unpolitische Kirche ist in Harastas Verständnis „ein Fantasiegebilde“. Sie blättert nach bei Martin Luther, der ja am eigenen Leib erfahren hat, wie sehr die Kirche ein politisches Gebilde ist. Fazit: Die ethische Verantwortung der einzelnen Christenmenschen ist ein zentrales Anliegen. Gewiss, wer sich einmischt, läuft Gefahr, sich zu irren. „Und doch kann man manchmal nicht schweigen.“

Zeit für ein Umdenken

Dabei gilt es zu allererst vor der eigenen Tür zu kehren. „In der evangelischen Kirche ist die Klimaneutralität bis 2035 in Planung.“ Warum? „Weil die Klimakrise eine Folge ist unserer Weltanschauung.“ Gewiss, niemand will aktiv den Planeten zerstören. Aber unsere ganze Lebensweise geht diesen Weg. Mit Papst Franziskus und seiner zweiten Enzyklika Laudato si fordert Harasta „ein tiefes Umdenken“. Denn „es muss uns klar sein: Es waren vorwiegend Christen, die an der Wurzel des fossilen Kapitalismus stehen. Wir sind verbunden mit denen im Süden, die sehr viel mehr zu leiden haben als wir. Es ist Zeit für ein Umdenken, Zeit für ein anderes Handeln.“

Die Christen seien auf diesem Weg freilich nicht allein. Zwar kehre Gott nicht den Scherbenhaufen weg, so nach dem Motto „Der Papa wird’s scho richten.“ Aber er kommt zu Hilfe, „indem er selbst Geschöpf wird. Aus Liebe zu seiner Schöpfung und zu den Menschen begibt sich Gott in die Schöpfung hinein. Er könnte ohne sie, aber er will offenbar in der Schöpfung leben. Das gibt mir die Zuversicht: Ein anderes Leben ist möglich. Gott geht uns voraus in der Selbstbeschränkung der eigenen Zerstörungskraft.“ TM

Ökumenische Gespräche Bregenz 2022

Die Welt am Abgrund − wie wir angesichts der Klimakrise noch die Kurve kratzen

» Dienstag, 15. November 2022 Ing. Christof Drexel: Geht sichʼs noch aus? Wie Klimaneutralität doch noch erreicht werden kann

» Dienstag, 22. November 2022 Dipl.-Ing. Christoph Breuer: Auf zu neuen Ufern – Wo die größten Klimahebel verborgen liegen

Ort Evangelische Kreuzkirche am Ölrain

Beginn 19.30 Uhr

Impulsreferate mit anschließender Diskussion

Moderation Thomas Matt

Veranstalter Katholische Kirche in Bregenz und Evangelische Pfarrgemeinde Bregenz in Kooperation mit dem Ökumenischen Bildungswerk Bregenz und den VN.

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