Wie der Klimawandel den Wintersport verändert

Vorarlberg / 11.11.2022 • 22:41 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Kein Schnee auf der Piste in Lech/Zürs. Auch die künstliche Beschneiung konnte den Weltcup nicht mehr retten.Roland Paulitsch
Kein Schnee auf der Piste in Lech/Zürs. Auch die künstliche Beschneiung konnte den Weltcup nicht mehr retten.Roland Paulitsch

Ohne CO2-Reduktion sieht es auch für den Skisport trübe aus.

Wien, Innsbruck Der Klimawandel macht sich in den kühleren Jahreszeiten immer deutlicher bemerkbar und holt damit auch den Wintersport ein. Weltcuprennen mussten in Lech/Zürs gerade erst abgesagt werden – akuter Schneemangel am Arlberg. Am Dachsteingletscher wird im kommenden Herbst und Winter kein Skiliftbetrieb anlaufen: Hitze, Regen und Saharasand haben dem Eis zugesetzt. Es fehlen bis zu fünf Meter Schnee. Wie kann es mit dem Wintersport weitergehen?

Mittlerweile sei ein eindeutiger Trend zu wärmeren Wintern feststellbar, bestätigt Glaziologe Georg Kaser im VN-Gespräch. Gleiches bestätigt eine aktuelle Studie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Innsbruck, des Climate Change Centre Austria und des Schneezentrums Tirol. Sie haben unter der Leitung der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) drei Jahre lang die Auswirkungen der Erderwärmung auf die Schneelage in Österreich erforscht.

Schneedecke kürzer und geringer

Erstmals liegt damit eine Darstellung vor, wie sich die Schneedecke von 1961 bis heute entwickelte. Für die weitere Strategie im Wintertourismus sind das grundlegende Erkenntnisse. Über die gesamte Fläche und alle Höhenlagen Österreichs gemittelt hat die Dauer der Schneedecke seit 1961 um 40 Tage abgenommen. Die Auswertung nach unterSkiedlichen Höhenlagen ergibt besonders starke Abnahmen unterhalb von 1500 Meter Seehöhe. Das zeigt Potenziale und Herausforderungen für die künstliche Beschneiung.

Auch der Ausblick ist trüb: Ohne globalen Klimaschutz nimmt die Dauer der Schneedecke unterhalb von 1500 Metern Seehöhe bis zum Jahr 2100 um 90 Prozent ab. Und selbst bei Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels ist mit einer Reduktion von 50 Prozent zu rechnen.

Abwechslungsreiches Vorarlberg

Entspannter ist die Situation in höheren Lagen, wenngleich auch dort schneereiche Wintern seltener werden. Neben einem allgemeinen Trend zu weniger Schneesicherheit auch in Vorarlberg, führt neben einer starken Jahr-zu-Jahr-Variabilität des Niederschlags auch das vielfältige Relief zwischen Kleinwalsertal und Silvretta zu kurzzeitigen und auch räumlichen UnterSkieden.

Das Land ist aber nicht stärker oder schwächer betroffen, betont Kaser im VN-Gespräch. Überall komme es zu Veränderungen. Die Nächte und die Winter seien aber stärker betroffen, betont der Glaziologe. Das liegt daran, dass der menschgemachte Klimawandel wie eine sich verstärkende Isolierdecke in der Atmosphäre wirkt. Bei gleichbleibender Energiezufuhr durch die Sonne, ist die Abstrahlung von der Erde reduziert. Das wirkt sich in den Nächten und den Wintern stärker aus.

Skifahren kein Breitensport

Besser wird die Situation nicht. Im Idealfall, also der Einhaltung der Pariser Klimaziele und einer Begrenzung der globalen Erderwärmung bis Mitte des Jahrhunderts auf unter zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter, lässt sich das Erdklima aber zumindest stabilisieren.

„Der Klimawandel setzt dem Skilauf bereits stark zu. In den Ostalpen haben schon Hunderte kleine Skigebiete zugesperrt“, sagt Kaser. Jedes Dorf über 1200 Meter habe früher sein eigenes kleines Skigebiet gehabt, erinnert er. Aber auch die mittelhohen Skigebiete haben zunehmend Schwierigkeiten. Das hat auch damit zu tun, dass bereits Jahrzehnte zurückliegende Weichenstellungen den Skilauf immer elitärer gemacht haben. Der Klimawandel verstärkt diesen Trend. „Es werden ein paar hoch gelegene LuxusSkigebiete übrig bleiben“, sagt Kaser.

Der Glaziologe relativiert auch das Bild über Skifahren als Breitensport in Österreich. „Man glaubt ja immer, dass alle Innsbrucker Ski fahren. Ich kann mich aber an eine Umfrage in den 1980er-Jahren erinnern. 80 Prozent der Innsbrucker sind damals noch nie Skigefahren.“

Ein zukünftiger Wintersport müsse nachhaltiger und umfassender gedacht werden. Das größte Problem ist der Verkehr, sprich die An- und Abreise der Touristen. Hier gelte es, verknüpfte und nachhaltige Angebote zu schaffen, damit nicht jeder individuell per Auto anreisen muss, sagt Kaser: „Man steigt zum Beispiel daheim in den Zug und wird für die „letzte Meile“ mit dem Elektrobus abgeholt.“ Auch beim Thema Verpflegung gebe es großen Verbesserungsbedarf jenseits von Greenwashing.

Alpiner Sommertourismus 

Das Land Vorarlberg spricht auf Nachfrage von Herausforderungen für den Tourismus, aber auch Chancen. Während davon auszugehen sei, dass der alpine Sommertourismus vom Klimawandel begünstigt wird, dürfte mit einer Veränderung der Schneesicherheit auch ein Wandel der Nachfrage einhergehen, heißt es aus der Pressestelle. Im Wintertourismus sei zur Anpassung an die steigende Schneefallgrenze etwa die künstliche Beschneiung eine wichtige Maßnahme.

Seit vielen Jahren werden darüber hinaus eine Diversifizierung des touristischen Angebots verfolgt. Ziel ist es, der Entwicklung von Alternativen zum schneegebundenen Wintersport und zur Stärkung des Ganzjahrestourismus.

Ernüchternde Klimakonferenz

Die erste Woche der 27. zweiwöchigen Weltklimakonferenz neigt sich zum Ende. Kaser hat selbst zahlreiche Klimakonferenzen begleitet und war zweimal Leitautor der Berichte des Weltklimarats (IPCC), deren Forschungsergebnisse die wissenschaftlichen Grundlagen der Klimakonferenzen bereiten. „Ich das Gefühl, das Problem wurde noch immer nicht begriffen. Es passieren im Klimasystem bereits Dinge, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können und die bereits große Veränderungen einleiten. Jedes Zehntelgrad weitere Erwärmung wird bedrohlicher.“ Wenn dem nicht sehr schnelle Einhalt geboten wird, wird sich um den Wintersport bald niemand mehr Sorgen machen können. VN-JUS

„Es passieren im Klimasystem bereits Dinge, die nicht rückgängig gemacht werden können.“

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