Mauern gegen “dreckige” Länder

Vorarlberg / 14.11.2022 • 18:29 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Mojib Latif forscht am Helmholtz-Zentrum in Kiel. Jan Steffen
Mojib Latif forscht am Helmholtz-Zentrum in Kiel. Jan Steffen

Klimaforscher Mojib Latif sieht mehr Chancen in einer Wirtschaftsallianz als bei der aktuellen Klimakonferenz.

Wien, Scharm al-Scheich Heuer erreichen die fossilen CO2-Emissionen weltweit 36,6 Milliarden Tonnen CO2 und werden somit leicht höher liegen als vor der Corona-Pandemie. Diese Entwicklung steht im Widerspruch zu jenem massiven Rückgang, der nötig wäre. So wundert es nicht, dass bei Wissenschaftlern die Zuversicht während einer Klimakonferenz selten so schlecht war. Die multiplen Krisen drohen das Thema noch weiter in den Hintergrund zu rücken. Auch der renommierte deutsche Klimaforscher Mojib Latif rechnet dem Gipfel im ägyptischen Scharm Al-Scheich wenig Erfolgsaussicht zu. Den VN berichtet er, warum es eine „Allianz der Willigen“ braucht und was ihn trotzdem weiterhin zuversichtlich stimmt.

 

Ist dieser Pessimismus berechtigt?

Latif Die Weltklimakonferenz lenkt die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf das Thema Klima. Aber das nutzt ja nichts, wenn der Treibhausgasausstoß immer weiter steigt. Selbst nach der historischen Klimakonferenz von Paris 2015 sind die Emissionen weiter gestiegen. Die Vorzeichen sind auch jetzt nicht gut: Chinas Staatschef und der US-Präsident waren am ersten Tag beim Treffen der Staatschefs nicht anwesend. Auf der Klimakonferenz sind fast 200 Nationen mit sehr unterschiedlichen Interessen vertreten. Worauf sollen die sich denn einigen, außer auf den kleinsten gemeinsamen Nennern?

 

Kritik kommt auch daran, dass die Klimakonferenz zunehmend vereinnahmt wird. Coca-Cola ist Sponsor, viele Lobbyisten aus der Gasindustrie scheinen vor Ort zu sein.

Latif Bis zu 40.000 Menschen sind dort, die wenigsten gehören einer Delegation an. Die allermeisten sind Lobbyisten – in welcher Form auch immer. Daher denke ich auch, dass diese Konferenzen nicht das richtige Mittel sind, um einen Durchbruch beim Klimaschutz zu erzielen. Selbst der Punkt, dass die Emissionen weniger stark gestiegen sind als erwartet, kann ja kein Trost sein.

Das Pariser Klimaabkommen sah ein 1,5-Grad-Ziel vor. Wo stehen wir?

Latif Uns läuft die Zeit davon. Die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, werden wir sicher nicht mehr erreichen. Im Moment sind wir auf Kurs von 2,5 Grad Celsius – aber auch nur dann, wenn die Länder alles einhalten, was sie versprochen haben.

 

In diesem Zusammenhang ist immer wieder die Rede von Kipppunkten. Wo setzen diese ein?

Latif Das ist eben diese große Unbekannte. Das weiß niemand: Ob es das grönländische Eis ist, das Eis der Westantarktis oder die Permafrostböden. Ich vergleiche das immer mit einem Autofahrer, der mit Höchstgeschwindigkeit in dichtem Nebel fährt und nicht weiß, ob gleich ein Stauende kommt oder nicht. So verhält sich die Welt im Moment.

 

Apropos mediale Aufmerksamkeit: Ankleben auf Straßen, Suppen auf Kunst – wenn auch mit Glas geschützt. Bringt das die richtige Aufmerksamkeit?

Latif Ich glaube, das ist kontraproduktiv. Es polarisiert und spaltet die Gesellschaft. Aber wir brauchen ja diesen breiten Konsens, um Klimaschutz durchzusetzen.

 

Statt Konsens beobachten wir aber global eher das Gegenteil.

Latif Es ist völlig egal, wo CO2 in die Luft entlassen wird. Es ist immer global wirksam, da es eine so hohe Verweildauer von Jahrhunderten in der Atmosphäre hat. Deswegen schmelzen ja die Polarregionen, obwohl dort kaum CO2 ausgestoßen wird. Das ist etwas, womit die Welt gerade überfordert ist. Wir sehen gerade das Gegenteil von der so notwendigen internationalen Kooperation, die Welt fällt immer weiter auseinander.

 

Welche Wege stehen uns noch offen beim Klimaschutz?

Latif Es braucht eine Allianz der Willigen. Diese Länder müssten einen eigenen Wirtschaftsraum aufbauen, in der Hoffnung, dass möglichst viele Länder dann beitreten wollen. Wichtig wäre aber auch, dass man Mauern hochzieht – sprich, dass Länder, die „dreckig“ produzieren, ihre Waren nicht mehr ohne Weiteres exportieren können und damit andere Wirtschaftsräume kaputt machen. Stichwort Schutzzölle. Die EU ist ja so ein Wirtschaftsraum. Und man sieht ja auch, dass viele reinwollen.

 

Gerade in Bezug auf die Energiekrise: Wie nachhaltig wird der Schwung für die Energiewende sein?

Latif So schrecklich dieser Krieg ist: Viele Länder haben dadurch gemerkt, auf welch tönernen Füßen ihre Energieversorgung steht. Daher denke ich, dass es einen noch stärkeren Schub in Richtung Erneuerbarer Energien geben wird. Kurzfristig wird der Krieg nun zu weniger Klimaschutz führen, aber langfristig könnte es in vielen Ländern Impulse für eine Energiewende geben.

 

Gibt es für Sie aktuell ein Beispiel, das sie im Bereich Klimaschutz positiv stimmt?

Latif Seit 1990 sind die CO2-Emissionen weltweit um 60 Prozent gestiegen. Gleichzeitig sind sie in Deutschland um fast 40 Prozent gesunken. Das zeigt ja:  Klimaschutz und wirtschaftliche Entwicklung müssen keine Gegensätze sein.

Proteste bei der 27. Klimakonferenz in Ägypten: Experten sehen wenige Chancen für mehr Klimaschutz. AP
Proteste bei der 27. Klimakonferenz in Ägypten: Experten sehen wenige Chancen für mehr Klimaschutz. AP

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