Turnsport als Lebensinhalt

Vorarlberg / 15.11.2022 • 17:14 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Jiri Dvoracek gründete das Sportgymnasium auf Initiative der VTS.
Jiri Dvoracek gründete das Sportgymnasium auf Initiative der VTS.

Die Turnfamilie trauert um Professor i. R. Jiri Dvoracek (92)

GÖTZIS, PRAG Am 3. November 2022 verstarb unerwartet rasch Professor i. R. Mag. Jiri Dvoracek im 92. Lebensjahr in seiner Wahlheimat Vorarlberg. Seine Berufung und sein Beruf war der Turnsport, seine Leidenschaften waren die Malerei und die Musik.

Der gebürtige Tscheche gilt als Begründer des modernen weiblichen Kunstturnens in Österreich. Mit seinem Wirken als VTS (Vorarlberger Turnerschaft) Landestrainer, als Nationaltrainer und als Autor eines ÖFT (Österreichischer Fachverband für Turnen) Wettkampf Programms gelang ab 1972 Österreichs turnerischer Aufstieg in das Weltgeschehen.

Anfang der siebziger Jahre hatte Österreich bei den Kunstturnerinnen den Anschluss an das internationale Niveau verloren bzw. die Entwicklung hin zur Professionalisierung versäumt. Jiri Dvoracek war in der damaligen Tschechoslowakei ein junger Professor an einer HTL und Trainer der Turnerinnen in einem Verein, als sich er und die junge Turnerin Rosa Potucek erstmals begegneten. Einige Jahre und Trainings später, im Jahre 1970, wurde es klar, dass sie in den Westen gehen wollen. Jiri Dvoracek hatte bereits ein Angebot als Trainer in Neuseeland in der Tasche. Doch es sollte anders kommen. Bei einem Trainingslager der tschechischen Mannschaft in Kärnten verletzte sich Rosa. Da die Absicht des Paares, im Westen bleiben zu wollen, bekannt wurde, war eine Rückkehr in die Heimat für längere Zeit aus politischen Gründen nicht möglich.

So landete Jiri Dvoracek mit seiner damals baldigen Frau zuerst in Graz und dann in Vorarlberg. Gründe dafür waren u. a. die Parteifreiheit der Vorarlberger Turnerschaft und die fix zugesagten Lehrverpflichtungen für Jiri und Rosa am Gymnasium. So begann eine neue Ära des Turnens in Vorarlberg. In Bregenz, Wolfurt, Götzis und Dornbirn wurde nun täglich trainiert. Die beiden Trainer ergänzten sich. Jiri Dvoracek legte viel Wert auf eine perfekte Technik, hohen Schwierigkeitsgrad, Einsatzbereitschaft und Disziplin. Rosa, damals knapp über 20 Jahre alt, war u. a. verantwortlich für die Grazie der Übungen, die Choreografien sowie die psychologische Betreuung der Turnerinnen.

Jiri Dvoracek als VTS-Landestrainer und seine Frau begannen praktisch bei Null und trainierten bereits mit ihrer ersten heimischen Turnerinnen-Generation konsequent und professionell. Das war in Österreich neu, rief auch Widerstände hervor, setzte sich aber schlussendlich durch. Dass das weibliche Kunstturnen in Österreich insgesamt auf ein höheres Niveau gehoben werden konnte, ist zu einem wesentlichen Teil den von Jiri Dvoracek veranstalteten Trainerfortbildungen und Trainingscamps zu verdanken.

Es wurde rasch klar, dass die Vorarlberger Turnerinnen an die Spitze Österreichs vordringen. Von 1973 bis 1996 wurden insgesamt 170 Medaillen bei österreichischen Meisterschaften in der Meisterklasse errungen. 1975 ging es zur Welt-Gymnaestrada nach Berlin und im gleichen Sommer war die damalige Elitegruppe bei einer vierwöchigen Turntournee durch Kanada dabei.

Die Dvoraceks waren beruflich sowohl AHS-Lehrerin und -Lehrer, als auch Trainer(in). In dieser Rolle wurde Jiri außerdem als Mitinitiator des Sportgymnasiums Dornbirn-Schoren zum maßgeblichen Verbesserer der Infrastruktur-Rahmenbedingungen. Als einen seiner größten Erfolge nannte er die Erweiterung der Landessportschule mit einer Gerätehalle. Vieles, was heute als selbstverständlich im Nachwuchs-Spitzensport gilt, musste unter schwierigen Verhältnissen erst durchgesetzt werden, was mit nachhaltiger Vorbildwirkung gelang. 1996 ging Jiri Dvoracek in Pension. Er war Ehrenmitglied der VTS und seit 1994 Träger des Goldenen Ehrenzeichens des ÖFT. Die Beerdigung erfolgte in seiner Heimatstadt Prag.

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