Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Fußball und Emotionen

Vorarlberg / 16.11.2022 • 19:16 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Fußball hat sehr viel mit Psychologie zu tun. Nicht nur in der Vorbereitung der Spieler, in der Einstellung auf den Gegner und in der Taktik, sondern auch mit der Psychologie der Fans, der Zuschauer, der gesamten Gesellschaft. Denn kein anderer Sport stößt weltumspannend auf so großes Interesse, spricht so viele Menschen an und kann die Massen so intensiv emotionalisieren. Viele kluge Köpfe haben nach Erklärungen gesucht, weshalb gerade dieser Kampfsport so sehr bewegt, wirklich überzeugend ist keine. Aus der psychologischen Perspektive betrachtet, ist Fußball eine Weiterentwicklung von primitivem Kampf und blutigen Auseinandersetzungen, so etwas wie ein kultivierter Krieg. Denn er spricht sämtliche emotionalen Bedürfnisse der nach wie vor streitsüchtigen Menschheit an, welche sonst in großen militärischen Konflikten mit all ihren Grausamkeiten befriedigt werden: Wie immer geht es um Geld und Ehre, um den großen Stolz und das noch größere Geschäft. Zur Demonstration der Stärke marschieren die uniformierten Heere – sprich die Fans in ihren Leiberln- auf und singen Schlachtgesänge. Mit Pomp und Trompeten betreten die Gladiatoren das Kampffeld, an deren Spitze die Generale, also die Trainer. Und dann geht es los, mit aller Kampfkraft und allen Tricks, mit Angriff und Verteidigung, mit Sieg oder Niederlage. Und das Wohl und Wehe ganzer Nationen hängt nicht von zerstörerischen Raketen- und Panzerangriffen, von gefallenen Soldaten und getöteten Zivilisten ab, sondern von einem Ball im Tor. Der Gedanke mag eine utopische Spinnerei sein: Aber wäre es nicht ein großartiger zivilisatorischer Quantensprung, wenn der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine auf dem Fußball- statt auf dem Schlachtfeld entschieden würde, ohne Hunderttausende Opfer, wahrscheinlich mit ähnlichem Ausgang?

Auch aus psychologischen Gründen war es ein schweres Foul, die Fußballweltmeisterschaft nach Katar, in ein nur an Geschäft und Propaganda interessiertes, für den eigentlichen Fußball kaum begeistertes Land zu vergeben. Fußball wird auf reine Geschäftsgier reduziert und zwangsläufig mit Menschenrechtsverletzungen, mit moderner Sklaverei und vielen toten Bauarbeitern assoziiert. Dass dieser Sport in den Winter und die Adventzeit zwangsverlagert wird, in der die Menschen ganz andere emotionale Bedürfnisse haben, schießt den Vogel im wahrsten Sinn des Wortes ab. Es gibt deshalb nur eine psychologisch richtige Entscheidung: die rote Karte für die Verantwortlichen der FIFA.

„Fussball spricht sämtliche emotionalen Bedürfnisse der nach wie vor streitsüchtigen Menschheit an.“

Reinhard Haller

reinhard.haller@vn.at

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.

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