Reise ins Erinnern

Vorarlberg / 17.11.2022 • 16:43 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Schurken brachten dem Publikum auf sehr berührende Weise das Thema Demenz nahe.BI
Die Schurken brachten dem Publikum auf sehr berührende Weise das Thema Demenz nahe.BI

Berührendes Musiktheaterstück „Vergissmeinnicht“ in der Remise.

Bludenz „Wir freuen uns sehr, mit der letzten Veranstaltung im Rahmen unserer Reihe anlässlich des Weltalzheimertags heute ein ganz besonderes Musiktheater präsentieren zu dürfen“, freute sich Andrea Mallitsch, Stadträtin für Soziales, Familien und Integration, anlässlich des Auftritts von „Die Schurken“ in der Remise Bludenz. Mit dem Stück „Vergissmeinnicht“ wurde auf humorvolle, aber auch berührende Art für das Tabu-Thema Demenz sensibilisiert. Der Veranstaltungssaal war bis auf den letzten Platz gefüllt, was vor allem auch dem exzellenten Musikerquartett geschuldet war. Dies sind Martin Deuring am Kontrabass, Martin Schelling an der Klarinette, Goran Kovacevic am Akkordeon sowie Stefan Dünser an der Trompete. „Vergissmeinnicht“ entstand unter der Regie von Sara Ostertag und wurde bereits in der Philharmonie in Köln und beim Luzern Festival aufgeführt, nach einer zweiwöchigen Österreich-Tournee folgen Auftritte in der Elb Philharmonie und im Konzerthaus Berlin.

Sich wiederholende Fragen

Als Auftakt sitzt Martin Deuring auf einem Stuhl und hat eine Orange in der Hand. Sodann stößt Goran Kovacevic zeitunglesend auf dem Rollator dazu. „Ich bin ein netter und glücklicher Mensch und außerdem bin ich sehr hübsch. Jetzt muss ich aber rennen, um zu schauen, ob ich ich bin“, sagt Deuring. Nach und nach kommen die beiden weiteren Freunde hinzu. Es sind ältere Herren mit silbergrauen Haaren. Deuring blättert in einem Familienalbum und erkennt offenkundig die Personen darauf nicht mehr: „Ist das meine Tochter?“ Seine Freunde antworten ihm: „Nein, das ist deine Nichte, die Tochter deiner Schwester.“ Dieselbe Frage wird noch öfter von ihm gestellt. Wie auch: „Wie heißt dein Sohn?“ Die Antwort ist: „Mozart“ – und schon ist ein kleines Stück von Mozart auf dem Akkordeon zu hören.

Abwechslungsreiche Weltreise

Stefan Dünser betritt mit der Trompete die Bühne, er fungiert als Reiseleiter: „Wir machen eine Weltreise!“ Nun wird auch die Bedeutung des Globus als Requisit deutlich. Die erste Station ist Tokio. „In Tokio war ich schon einmal, da hat es nach Orangen geduftet“, so Deuring, woraufhin ein japanisches Musikstück erfolgt. Die nächste Station ist Casablanca. Und auch hierzu hat Deuring Erinnerungen: „Da war ich einmal. Da habe ich gespielt. Die Häuser waren alle weiß. Es war sehr trocken und es gab jede Menge gelben Sand.“ Die Band braucht nicht viele Hilfsmittel, um die Illusion eines Bühnenbilds herzustellen. So wird mit einem blauen Band das Meer dargestellt, braune Decken bilden die Wüste. Eine Busfahrt in Tel Aviv als weitere Station wird sehr lebhaft geschildert. Die kleinen Musikstücke der bekannten Komponisten Grieg, Debussy oder etwa Puccini werden gekonnt eingebettet, der Wiedererkennungswert im Publikum ist gegeben. Wie sehr persönliche Erinnerungen mit Musik verwoben sein können, war nicht zuletzt auch an der Reaktion der Besucher erkennbar.

Begeisterung beim Publikum

Ob Kinder im Volksschulalter oder Senioren – ständig waren herzhafter Lacher oder Sätze wie „Das kenne ich!“ zu hören. So meinte Erna Böhm, 92 Jahre: „Es war sehr schön, mit toller Musik, aber ein trauriges Thema.“ Wolfgang Purtscher, Leiter des Sozialzentrums Bürs, ist in seinem Berufsalltag mit dieser Thematik täglich konfrontiert: „Ich finde, diese Verlorenheit einer an Demenz erkrankten Person wurde auf eindrückliche Weise dargestellt. Unsere Bewohner waren schlichtweg alle von den Schurken begeistert.“ BI

Andrea Mallitsch mit Tochter Leonie und Schwiegermutter Theresa.
Andrea Mallitsch mit Tochter Leonie und Schwiegermutter Theresa.
Wolfgang Purtscher mit seinen „Mädels“.
Wolfgang Purtscher mit seinen „Mädels“.

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