Kein Geld für emotionale Hilfen

Vorarlberg / 20.11.2022 • 18:37 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Veronika Geiger (r.) und Ruth Winkler setzen sich engagiert für eine bessere soziale Begleitung von Kindern an den Dornbirner Volksschulen ein.vn/mm
Veronika Geiger (r.) und Ruth Winkler setzen sich engagiert für eine bessere soziale Begleitung von Kindern an den Dornbirner Volksschulen ein.vn/mm

Dornbirner Volksschulen beklagen negative Haltung der Stadt dazu.

Dornbirn Das Bild sagt alles: Schüler einer dritten Klasse der Volksschule Dornbirn-Haselstauden, die Spalier stehen und mit leuchtenden Augen ihre Zertifikate abholen. Die Mädchen und Burschen haben sich die Auszeichnungen im Rahmen eines Schulprojekts erarbeitet. Es ging unter anderem um die Förderung von sozialen und emotionalen Kompetenzen, Konfliktlösungen und die Stärkung des Selbstwertgefühls. In Rollenspielen fanden die Acht- bis Elfjährigen aus sieben Nationen wieder mehr zueinander. Doch jetzt ist zum Leidwesen und Ärger aller Schluss. Die Stadt Dornbirn will für Workshops dieser Art nämlich nicht aufkommen. Im Fall der VS Haselstauden sprang der Familienverband ein. „Es handelt sich um eine Klasse, die es besonders schwer hat“, begründet Veronika Geiger, für den Bereich Schule zuständig. Nun bräuchte es eine weiterführende Betreuung in Kleingruppen, aber es fehlt das Geld. „Wir sind alle ziemlich ernüchtert und frustriert, was den Umgang der Stadt mit der psychosozialen Gesundheit der Kinder angeht“, wird Geiger deutlich. Direktor Jürgen Sprickler nimmt ebenfalls kein Blatt vor den Mund: „Es ist ein Wahnsinn, wie man nicht erkennen will, was man Schülern und Pädagogen zumutet.“

40 Angebote geplant

Bereits im Frühjahr sprachen Direktoren der Dornbirner Volksschulen sowie eine Abordnung der Elternvereine in der Stadt vor, um auf die brisante Situation in den Schulen, auch bedingt durch Corona, aufmerksam zu machen und um Unterstützung zu bitten. „Unser Wunsch war es, Workshops für Klassen bezahlt zu bekommen, um wenigstens ein bisschen die belastenden Folgen der Pandemie abzufedern“, erzählt Veronika Geiger. Kostenpunkt: 2000 Euro pro Workshop mit der Möglichkeit, Kinder danach weiter zu betreuen, vor allem jene, die sich Unterstützung sonst nicht leisten können. Geplant waren 40 Projekte, welche die Schulen bei Bedarf abrufen hätten können. Das Anliegen stieß jedoch auf taube Ohren. Die Stadt setze auf Sozialarbeit, habe es geheißen. „Und die wird hauptsächlich vom Bund bezahlt“, ergänzt Geiger. Schließlich entschied sich der Familienverband, wenigstens den Workshop in der VS Haselstauden als Pilotprojekt zu finanzieren.

Durchgeführt wurde er vom Verein Spiellernraum. Einmal wöchentlich kam Ruth Winkler für zwei Stunden in die Klasse, um mit Schülern und Pädagogen in neue Rollen einzutauchen. Zuerst wurden Abenteuer- und Heldengeschichten erzählt und dann in Spiele umgesetzt. „Etwas gemeinsam zu meistern schmiedet zusammen“, sagt Winkler. Die Kinder würden nicht nur einzeln, sondern auch als Gruppe gestärkt. „Es zeigt sich immer wieder, dass sie trotz aller Reibereien gerne zusammen sind“, weiß Ruth Winkler.

Ruf nach geschultem Personal

Ein Workshop reicht aber nicht immer, um die vielfältigen Schwierigkeiten auszugleichen. „Es braucht weiterführende Lösungen“, insistiert Veronika Geiger. Jürgen Sprickler betont: „In diesem Alter sind Kinder noch zugänglich. Später ist es oft ein Kampf gegen Windmühlen.“ Der Schulleiter wird noch deutlicher: „Die Verantwortung der Stadt endet nicht beim Bau innovativer Schulen, so löblich das ist. Was wir noch dringender brauchen, ist psychologisch geschultes Personal.“ Diesen Hilferuf hat er schon vor zehn Jahren getätigt. Außer Verständnis habe er nichts bekommen. Im Gegenteil: „Personelle Ressourcen wurden neu verteilt und zurückgefahren.“ Er hat die Konsequenzen gezogen und im ersten Jahrgang keine Ganztagsklassen mehr eingeführt. „Dabei ist Bildung das Wichtigste, denn unsere sozialen Probleme hängen daran“, gibt Sprickler zu bedenken. Unterstützende Angebote würden auch nach oben wirken. VN-MM

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