Schon ein Grad plus macht viel aus

Vorarlberg / 20.11.2022 • 19:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

In Vorarlberg dürfte die mittlere Temperatur bis 2100 noch deutlich stärker steigen.

SCHWARZACH Was bedeutet schon eine Zunahme der mittleren Jahrestemperatur um ein paar Grad Celsius? Es mag harmlos klingen. Allein: „Schon vermeintlich kleine Veränderungen machen sich dadurch bemerkbar, dass es viel mehr Hitze- und weniger Eistage gibt“, erklärt der Stadtklimatologe Simon Tschannett. Also Tage, an denen es über 30 Grad hat und Tage, an denen das Thermometer unter null bleibt. Der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter bemüht einen Vergleich, um zum Ausdruck zu bringen, was auch nur ein Grad plus bedeutet: „Es ist wie bei einem Anstieg der Körpertemperatur von 36, 37 auf 39, 40 Grad. In etwa so muss man es sehen.“ An Alltägliches, das bis dahin möglich war, ist dann nicht mehr zu denken.

In Vorarlberg belief sich die mittlere Jahrestemperatur im Bezugszeitraum 1971 bis 2000 auf fünf Grad Celsius. Wenn es auf globaler Ebene gelingt, die Emission von Treibhausgasen massiv zu reduzieren, dann dürfte die mittlere Temperatur in der Periode 2021 bis 2050 um 1,2 Grad und 2071 bis 2100 um 2,3 Grad höher ausfallen als im erwähnten Bezugszeitraum. Ganz zum Schluss dieses Jahrhunderts wird der Trendverlauf unterm Strich gar schon an eine mittlere Temperatur von fast acht Grad heranreichen.

Das entspricht dem sogenannten „Klimaschutz-Szenario“, das mehrere Forschungseinrichtungen unter dem Titel ÖKS15 gemeinsam mit der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) erstellt haben. Daneben gibt es ein „Worst case“-Szenario, das vom Schlimmsten bzw. davon ausgeht, dass Treibhausgase weiterhin ungebremst ausgestoßen werden. Ergebnis: Bis zum Ende dieses Jahrhunderts könnte die mittlere Jahrestemperatur sogar Richtung zehn Grad und darüber gehen.

Auf dem Mittelweg

ZAMG-Expertin Annemarie Lexer, die an den Szenarien mitgearbeitet hat, antwortet auf die Frage, in welche Richtung es gehe, dass es große Diskussionen darüber gebe. Jedoch: „Einer vor kurzem veröffentlichten Studie ist zu entnehmen, dass wir uns derzeit eher auf dem Mittelweg, also dem Szenario mit Klimaschutz, befinden.“

Bisherige Szenarien gehen von Mittelwerten aus. Das soll sich bei den nächsten, die für 2026 angekündigt sind, ändern, wie Tschannett erläutert: „Bei den neuen Szenarien wollen wir nicht nur Durchschnittswerte ermitteln, sondern auch versuchen, Extreme herauszuarbeiten. Könnte es beispielsweise sein, dass es zu Jahren mit einem Sommer kommt, in dem das Thermometer an jedem Tag über 30 Gard Celsius klettert? Das können wir auf Basis bisheriger Daten nicht sagen.“

Auch eine Erwärmung, die sich etwa mit rund zwei Grad bescheiden anhören mag, hat aber eben große Veränderungen zur Folge. Es wird noch mehr Hitzewellen geben, in denen es auch in der Nacht nicht auf weniger als 20 Grad abkühlt. Gletscher werden verschwinden, Sommer durch längere Trockenphasen gekennzeichnet sein, wodurch zum Beispiel Moore gefährdet werden, sich die Waldbrandgefahr weiter erhöhen und die Vegetation verändern wird. Auf der anderen Seite werden sich extreme Niederschlagsereignisse wie im vergangenen August häufen. Damals wurde in Bregenz mit 212 Litern pro Quadratmeter eine Regenmenge wie noch nie gemessen bei einer ZAMG-Station in Vorarlberg. Winter werden wiederum tendenziell kürzer und weniger schneereich.

Das sind nicht nur Szenarien von Expertinnen und Experten, sondern zum Teil auch schon feststellbare Entwicklungen. Darauf wird man immer stärker reagieren müssen. Wobei: „Wichtig ist, sich nicht nur an den Klimawandel anzupassen, sondern auch Ursachen zu bekämpfen. Vor allem also den CO2-Ausstoß zu reduzieren“, so Tschannett. JOH

„Es ist wie bei einem Anstieg der Körpertemperatur von 36, 37 auf 39, 40 Grad.“

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