Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Zuschauen oder wegschauen?

Vorarlberg / 20.11.2022 • 22:14 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Stell dir vor, im Fernsehen wird die Fußball-WM gezeigt und keiner schaut hin! Ganz so schlimm wird´s die nächsten Wochen nicht werden. Aber immerhin: In einer Umfrage von „Bild am Sonntag“ hat fast die Hälfte der über 1000 Befragten mitgeteilt, sich kein einziges Spiel anzuschauen. In Wien hat sich die Hälfte der Wirte dazu entschieden, die Übertragungen nicht für die Gäste zu zeigen. In Deutschland haben sich etwa 100 Gaststätten der Fan-Initiative „BoycottQatar2022“ angeschlossen. Seit Wochen wird, vor allem in Europa, ernsthaft und mit erhobenem Zeigefinger, diskutiert, ob es moralisch vertretbar sei, sich die WM anzusehen. Man kann und man darf. Das muss jeder letzten Endes mit sich selbst ausmachen. Natürlich gibt es Gründe für einen Boykott genug: Eklatante Menschenrechtsverletzungen, Frauen sind nicht gleichberechtigt. Zwischen 6500 und 15000 Arbeitsmigranten (es gibt keine genauen Zahlen) haben für die Stadionbauten ihr Leben verloren, Homosexualität ist strafbar und „ein geistiger Schaden“, wie es der katarische WM-Botschafter bezeichnet hat. Das Land ist von einer Demokratie weit entfernt, die Macht gehört einer Königsfamilie. Mittlerweile ist längst bekannt, dass das Emirat die WM durch Bestechung vieler im FIFA-Exekutiv-Komitee, das die Vergabe entscheidet, erkauft hat. Als Katar danach Gefahr lief, wegen der massiven Kritik die WM wieder zu verlieren, wurden jahrelang hohe Funktionäre des Weltfußballs ausspioniert, vor allem die Gegner der Katar-WM.

Dass sie in unserem Winter stattfindet, zählt als Argument hingegen nicht. Anderswo auf der Welt ist Sommer. Viel eher, dass wegen der selbst im November hohen Temperaturen die Stadien heruntergekühlt werden müssen – während gerade die UNO-Klimakonferenz das Klima zu retten versucht. Aber wie war das, als in Kenntnis all dieser Umstände im März Regierungsdelegationen aus Deutschland und Österreich die Scheichs hofiert haben? Wie war das, als Kanzler Nehammer oder der deutsche Minister Habeck aus Katar mit der frohen Kunde abgereist sind, man bekomme große Mengen Flüssiggas? Beim Fußball soll die Moral regieren, aber beim Frieren nicht? Katar hat zuletzt Weltmeisterschaften im Schwimmen, Handball, Rad, Turnen und der Leichtathletik durchgeführt. Da war vom erhobenen Zeigefinger wenig zu sehen. Seit Jahren pumpt Katar in den Topclub Paris Saint-Germain Millionen und sind die Qatar Airways Sponsor des FC Bayern. Wie war das 2018 mit der Fußball-WM in Russland? Da gab es das „Zuschauen oder Wegschauen“ nicht, obwohl Putin vier Jahre zuvor die Krim annektiert hatte. Bis heute ist nicht restlos geklärt, wieviel Geld Deutschland für die WM 2006 in Form von Funktionärsbestechung bezahlt hat. Das FIFA-interne Verfahren, u. a. gegen Franz Beckenbauer, wurde wegen Verjährung eingestellt. Jetzt plötzlich werden wir, und die Deutschen ganz besonders, moralisch?

Das Gute an der Diskussion ist, dass die Missstände plötzlich offen angesprochen werden. Diese WM richtet den Fokus auch auf die Missstände in Katar. Wer sich die WM im Fernsehen anschaut, schaut nicht über die Probleme hinweg. Niemand kann mehr sagen, man habe es nicht gewusst. Noch besser wäre es, wenn die Fifa, ein in der Schweiz registrierter residierender gemeinnütziger (!) Verein, endlich durch völlige Transparenz ausschließt, dass man sich durch Bestechung eine WM kaufen kann. Klar: Geld regiert die Welt und gerade der Fußball ist ein Milliardengeschäft. Aber es sollte auch klar sein: Eine gekaufte WM darf es nicht mehr geben.

Wolfgang
Burtscher

wolfgang.burtscher@vn.at

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.

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