Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Schwierige Verhältnisse

Vorarlberg / 22.11.2022 • 19:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Eine Geschichte in zehn Teilen.

Teil 9

Andi und Luise bestanden die Matura, Luise mit einer Nachprüfung in Französisch, Andi mit Auszeichnung. Im Herbst dann Berlin!

Luise machte es Kopfzerbrechen, wie sie ihr Vorhaben der Mutter beibringen sollte. Sie hatten zwar darüber geredet, aber vage – nach der Matura und so … Die Mutter hatte nicht zugehört. Andi bot sich an. Das wiederum lehnte Luise ab.

Die Mutter saß nach ihrer Arbeit auf dem Sofa, ein Glas Wein in der Hand. Luise begann langsam. Der einzige Punkt an der Geschichte, der die Mutter interessierte, war, wie Andi das alles finanzieren wollte.

„Nicht, dass mir das nicht recht wäre. Aber wie?“

Als Antwort genügte ihr ein Schulterzucken von Luise.

Andi und Luise fuhren mit dem Billigbus nach Berlin, es war noch im heißen August. Sie besichtigten eine Wohnung in Kreuzberg. Miete 1500 Euro. Sie ließen sich von dem Studenten aus dem dritten Stock die Umgebung zeigen, einem Litauer. Wie viel besser würde es sich in dieser großen Stadt leben, sagten sie sich und sagten sie zu ihm, und er sagte es auch. So viele Kneipen, der Görlitzer-Park zum Abhängen ganz in der Nähe, und sollten sie Fragen haben, er könne ihnen alles erklären, sagte der Student.

Luise hatte sich gewundert, dass ihre Mutter so gelassen war, und dann stellte sich heraus, dass sie ihrerseits Pläne hatte. Sie und ihr Chef, der Besitzer des Waschsalons, hatten sich ineinander verschaut. Er war ein Inder. Das war etwas Besonderes. Ein Abenteuer fast. Wer kennt schon bei uns einen Inder? Ein feiner Mann, ein außerordentlich feiner. Ein kleiner Akzent, wie ein Schönheitsfleck auf der Zunge. Er wolle es vorsichtig angehen, hatte er gesagt. Lange keinen körperlichen Kontakt, bevor man nicht ins Herz geschaut hatte. Bevor man nicht in den Kopf geschaut hatte, er in ihren, sie in seinen. Was sie sahen, passte dann. Den ersten Kuss gab sie ihm.

„Was ist mit deinem Vater?“, fragte Luise. „Was weiß er von unserem Berlin?“

Andi hatte ihm in groben Zügen von ihren Plänen erzählt. Er Reporter, Luise Hebamme. Sie hätten auch schon die richtigen Schulen gefunden, die Mietvorauszahlungen getätigt.

„Das Geld? Von der Uroma?“, fragte der Vater. Aber ihn interessierte etwas anderes. „Hast du sie nach der Mama gefragt? Weiß sie, wo sie ist? Wenn sie jemand verraten hat, wo sie mit dem Typen zusammenwohnt, dann deiner Uroma.“

„Sie hat nichts von der Mama erzählt“, sagte Andi. Wieder Ehrlichkeit.

„Und was kann ich euch mitgeben?“

„Deinen Segen“, sagte der Sohn.

„Und sonst?“

„Das Federbett von der Mama vielleicht.“

„Sie und ihr Chef hatten sich ineinander verschaut. Er war ein Inder. Das war etwas Besonderes. Ein Abenteuer fast.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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