Verschworene Gemeinschaft

Vorarlberg / 22.11.2022 • 18:07 Uhr / 2 Minuten Lesezeit
Verschworene Gemeinschaft

Das Haus steht verwaist. Ein feuchter Novemberwind fährt um die Ecken und kündet den ersten Schnee an. Er treibt ein paar aschfahle Blätter über den Hof. Nur wer nahe an die Garagentür herantritt, hört das Gemurmel dahinter.

Die Männer haben es sich auf Bierbänken gemütlich gemacht. Einer schneidet bedächtig eine geräucherte Wurst in Scheiben. Käse, ein paar Feigen und Wahlnüsse umgarnen eine Flasche mit farbloser Flüssigkeit. Ihr Korken sitzt locker. „Einschenken musst Du selber“, sagt Otto, der Gastgeber. Dann umrundet er den Tisch und beugt sich über einen smaragdgrünen gläsernen Ballon, der sich tröpfchenweise füllt.

„Wie viel?“ fragt einer. „70“, noch zu früh. Weiter gluckert und wispert die Destille, und das Feuer unterm Kessel nimmt begierig ein neues Scheit in Empfang. Drüben färben sich allmählich die Gesichter rot. Leise gehen Geschichten über den Tisch, kullert ein Lachen zurück. Der Ofen schafft behagliche Wärme. Sie haben das Fallobst eingesammelt, aussortiert und eingemaischt. Jetzt heißt es warten. Irgendwann wird jene Flüssigkeit in einem hauchdünnen Faden aus dem Kupferrohr rinnen, die es so nirgends zu kaufen gibt. Die Flaschen tragen auch kein Etikett, so wenig wie die Männer ihre Berufe vor sich hertragen. Das hätte so wenig Platz wie die Tagespolitik oder die Probleme der Welt. Stattdessen erzählen sie Geschichten. Über Reisen in ferne Länder. Sie erwärmen sich an den Erinnerungen der anderen. Und irgendwann nippt Heinrich vorsichtig am eben entnommenen Glas und belohnt die erwartungsvollen Blicke mit leuchtenden Augen: „Der Zitronenbirnenschnaps heuer … wird ein Gedicht!“

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