Schlaflose Nächte

Vorarlberg / 24.11.2022 • 15:40 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Amerika wirft immer wieder lange Schatten über den Atlantik, helle und auch dunkle, und immer wieder ließen sich die Europäer verführen von den Verlockungen aus dem Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“ – Burger, Jeans, Rock’n’Roll, Jazz, Filme oder Coca-Cola haben hier einen Siegeszug hingelegt wie der Marshallplan, dieses berühmte Hilfsprogramm der USA, das uns nach dem 2. Weltkrieg wieder auf die Beine geholfen hatte. Ein Faktum, das Frau Ammann immer dann betont, wenn ihr das Amerika-Bashing zu viel wird. Wir sind ja beide zerrissen in unserer Hass-Liebe zu den Amis und deshalb geneigt laut zu denken.

Dunkle Schatten

Schlaflose Nächte

Ja es ist richtig: die damalige „Hilfe zur Selbsthilfe“ war nicht nur uneigennützig, sondern auch ein Versuch für die damals brummende US Wirtschaft, neue Absatzmärkte zu schaffen. Ein gelungener Versuch, denn ein Wirtschaftswunder war die Folge. Und richtig: Die USA waren des Öfteren in imperialer Arroganz in den Sturz von Regierungen involviert, haben Diktatoren geduldet, sind mit gezinkten Vorgaben (Irak) in einen souveränen Staat einmarschiert, um den Tyrannen vom Thron zu holen, und sie haben mit Killerdrohnen internationales Recht gebrochen.
Richtig aber auch, dass sie die Supermacht sind, die uns nicht nur von den Nazis befreit, sondern auch unter dem Schirm des Transatlantischen Bündnisses einen jahrzehntelangen Frieden gesichert hat, mit der Prämisse, die Demokratie als ideellen Leitfaden unserer Zivilisation zu verteidigen.
Letzteres ist genau der Punkt, der Frau Ammann in jüngster Zeit schlaflose Nächte bereitet hat. Denn hätten Trumps Vasallen und deren fanatische Horden („God, Guns, Trump“) die Midterms gewonnen , hätte das der Anfang vom Ende der US-Demokratie sein können. Geschieht sowas in Amerika, macht es Schule. Auch bei uns.

Links und Rechtsaußen (siehe AfD, „Die Linke“ usw) würden sich auch bei uns bald Führer finden, die der Autokratie das Wort reden, und wir müssten uns bald warm anziehen, wie die Ukrainer im Moment.

Helle Schatten

Aber die Amis haben sich Gott sei Dank mehrheitlich für Vernunft entschieden und damit für die Demokratie. Die Wähler hatten wirklich Bammel vor dem, was da im Anmarsch war, vom Bürgerkrieg bis zum nächsten Kapitolsturm. Sie haben sich nicht beeindrucken lassen von Radikalnationalen, Wahlleugnern und bigotten Wissenschaftsfeinden, sondern von gstandenen Kämpfern für Rechtstaatlichkeit und Menschlichkeit. Frau Ammann braucht kein Temesta mehr. Wenigstens bis zur Präsidentenwahl 2024. Bis dahin fließt noch viel Wasser den Mississippi runter. Aber wir sollten wachsam sein, sollten auch bei uns die Autokraten-Fans und Putinversteher wieder lauter werden.

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.

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