Architekt Dietmar Eberle: Maximal im Minimalen

Vorarlberg / 26.11.2022 • 13:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Architekt Dietmar Eberle: Maximal im Minimalen
Sozialromantiker. Dietmar Eberle liebt es, zu denken. Heidi Gunesch

Energieeffizientes und nachhaltiges Bauen war für Dietmar Eberle schon das zentrale Thema seines Tuns, als das generell noch überhaupt kein Thema war. Wichtiger als baukünstlerische Eitelkeit ist dem „Sozialromantiker“ aber auch der Beitrag, den ein neues Gebäude in Relation zur bestehenden Öffentlichkeit leisten kann, wie er in der aktuellen Ausgabe des Magazins “kontur” erklärt.

Das Büro von Dietmar Eberle im „2226“ in Lustenau ist die Schaltzentrale, von der aus der 70-Jährige sein Architekturimperium „dirigiert“. Wie viele Büros in Europa und Asien es inzwischen gibt, weiß er selbst nicht so ganz genau, in Kürze werde gerade das 15. – oder ist es das 18.? – eröffnet, so der Baukünstler. Der ernsthaft darüber nachdenkt, seine Firma so umzustrukturieren, dass sie mit viel weniger Einsatz von seiner Seite funktioniert. Was nicht bedeute, dass er müde geworden sei, sagt Eberle, sondern er möchte einfach mehr Zeit haben, um sich mit Projekten, die ihm besonders am Herzen liegen, beschäftigen zu können.

Nachhaltigkeit
Wobei allein der Größe seines Büros wegen schon jetzt zwischen den Geschäftsführern der einzelnen Standorte und ihm ein absolutes Vertrauensverhältnis bestehen müsse. In Paris, wo gerade die Metamorphose eines ehemaligen Peugeot-Werks mit einer Fassadenlänge von 130 Metern passiert, funktioniere es etwa fabelhaft. Von den 52 Tonnen verbautem Material, das abgerissen werden musste, sind nur sieben Prozent Abfall, ungefähr zehn Tonnen werden vor Ort wieder verbaut, indem etwa Fassadenplatten zu Böden werden. Der Rest wird recycelt. Was ganz der Philosophie Dietmar Eberles von umfassender Nachhaltigkeit entspricht.

Im Gegensatz zu den Architekturen etwa von Frank Gehry oder Zaha Hadid ist Eberles Handschrift nicht auf einen ersten Blick erkennbar. Was er damit erklärt, dass es ihm nie um ihn gehe, sondern welchen Beitrag ein neues Gebäude in Relation zur bestehenden ­Öffentlichkeit leisten kann. Und dies sei etwa in Brüssel, wo am 24. September vom belgischen König ein Komplex mit 70.000 Quadratmetern mitten in der Stadt eröffnet worden ist, eben ganz anders als im Bregenzerwald. Wobei natürlich eine gewisse formale Stringenz, ein Minimalismus, eine Reduktion in der Wahl der Materialien für alles, was Eberle tut, charakteristisch ist. Eine Philosophie, die er vertrete, seit er Architektur macht, sagt der gebürtige Bregenzerwälder, der nach seinem Studium an der Wiener TU zu einem Mitbegründer der Vorarlberger „Baukünstler“ werden sollte. Mit dem Ziel, das Bauen prinzipiell neu und anders als gewohnt zu denken.

Architekt Dietmar Eberle: Maximal im Minimalen
Stadthaus. Montagne du Parc, Brüssel, 2021. Philippe Van Genooven

Absoluter Minimalist
„How can we increase the quality of living for normal people?“ ist die ganz einfache Frage, die sich Eberle ein ganzes Architektenleben lang gestellt hat. „Ich mag Nachdenken“, sagt er, je komplizierter ein Projekt sei, umso besser. Immer auf der Suche nach dem minimalsten Aufwand mit der klarsten Effizienz. Denn „obwohl ich gern groß denke, bin ich ein absoluter Minimalist“. Wichtig sei, dass die Wahrnehmung des Gebauten nie eindimensional und immer Ausdruck seiner Zeit ist. Das immer Mehr an Normen, die es einzuhalten gilt, betrachtet Eberle ganz pragmatisch. Das Problem sei allerdings, dass der Architektennachwuchs keine Normen mehr lese. Ganz im Gegensatz zu dem in China, wo Eberle, der bis zu seiner Emeritierung auf einem Lehrstuhl für Architektur an der ETH gesessen ist, noch immer unterrichtet. Er liebe es, junge Menschen auf ihr Berufsleben vorzubereiten genauso wie über Methoden und Theorien nachzudenken, deren Ergebnis eine Reihe von Publikationen sind, aus denen gern und viel abgeschrieben werde, so der Herr Professor. Für den energieeffizientes Bauen das zentrale Thema war, als es allgemein noch gar keines war. Wobei diesbezüglich der Pionier im Bauen von Passivhäusern heute völlig anders als am Anfang seines Architektenlebens denkt. Sei ihm doch angesichts der hohen Betriebsenergie, die Passivhäuser verschlingen, schon sehr bald klargeworden, dass dies nicht der Endpunkt der Entwicklung sein kann. Dass diesem Mythos noch immer gehuldigt wird, habe nicht zuletzt mit mächtigen Lobbys zu tun, aber auch die politische Bereitschaft, diesbezüglich umzudenken, sei – im Gegensatz zu einigen Wohnbauträgern – enden wollend.

Versuchskaninchen
Bestes Beispiel, wie energieeffizient gebaut werden kann, ohne sich Sorgen um Öl, Gas oder Erdwärme machen zu müssen, ist das „2226“ in Lustenau, das Eberle vor zehn Jahren sozusagen als „Versuchskaninchen“ gebaut hat, um auszuprobieren, ob es bei Beachtung bestimmter Vorgaben inklusive einer ausgeklügelten Software möglich ist, komplett ohne Heizung und Kühlung auszukommen. Wobei es letztlich reine Komfortgründe gewesen seien, ein Haus mit dicken Ziegelwänden und kleineren Fenstern zu bauen, sagt Eberle. Sei das Raumklima bei dieser Art des Bauens einfach unvergleichlich besser und für tiefe Laibungen habe er ohnehin ein Faible und sie funktionierten außerdem als natürlicher Sonnenschutz. Das alles habe sicher mit seinem Herkommen aus einem von jahrhundertelanger Armut geprägten Bergdorf zu tun. Wo man gelernt habe, mit dem sehr Wenigen, das man hat, sorgsam umzugehen.

Zu den Aufträgen für die rund 500 Bauten, die Eberle in seinem langen Architektenleben realisiert hat, ist er über Direktaufträge gekommen, andere über gewonnene Wettbewerbe. So undifferenziert, wie sie in Österreich durchgeführt werden, hält Eberle diese allerdings für eine Verschwendung von Geld und Ressourcen sondergleichen. Viel klüger sei es für jeden potenziellen Bauherrn, sich ein Büro zu suchen, dem er vertraut. Die bedeutendsten architektonischen Projekte in Österreich seien jedenfalls alle ohne Wettbewerbe entstanden, behauptet Eberle. Denn „die Wettbewerbskultur ist eine, die auf den Durchschnitt abzielt, nicht auf Spitzenleistungen“.

Architekt Dietmar Eberle: Maximal im Minimalen
Landmark. Eberles Bürohaus „2226“ in Lustenau, 2013. Eduard Hueber

Lebenstraum
Gibt es etwas, das der Vielbauer Dietmar Eberle noch nicht gebaut hat, aber bauen möchte? Bestehendes Urbanes unter den Vorzeichen von heute städtisch weiterzubauen, sei schon so etwas wie sein Lebenstraum, sagt er. Werde doch seit dem Zweiten Weltkrieg die Stadt durch die Siedlung ersetzt, ­obwohl jeder in die Altstädte strömt, weil er sich dort wohlfühlt. Aber auch ein, zwei Bücher zu schreiben oder das „2226“ weiter zu entwickeln, plant Eberle. Denn ob man es angesichts des ­weltweiten Erfolgs glauben wolle oder nicht, er sei ein Sozialromantiker, sagt der Baukünstler. Und man glaubt ihm fast, dass er das wirklich glaubt.

Ein Bericht von Edith Schlocker

kontur-Winterausgabe

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