„Einfach nur da sein und zuhören“

Vorarlberg / 27.11.2022 • 17:42 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Als gebürtiger Sri Lanker wird Lester Soyza immer wieder mit Rassismus konfrontiert. HRJ
Als gebürtiger Sri Lanker wird Lester Soyza immer wieder mit Rassismus konfrontiert. HRJ

Lester Soyza geht auf eine besondere Weise mit rassistischen Angriffen um.

DORNBIRN Lester Soyza ist für Menschen da, die keine Stimme haben. Arme, Kranke, Menschen mit Behinderung, Geflüchtete. „Ich maße mir aber nicht an, deren Stimme zu sein, sondern helfe ihnen, ihre eigene Stimme zu finden“, stellt der 62-jährige Mitarbeiter der Caritas Flüchtlingshilfe klar.

Lester Soyza bittet ins Wohnzimmer des Einfamilienhauses in Dornbirn, das er mit Ehefrau Beatrix bewohnt. Er bereitet Kräutertee zu, stellt Schokopralinen auf den Tisch. Dann beginnt der gebürtige Sri Lanker zu erzählen, wie es ihn über Großbritannien nach Vorarlberg verschlagen hat und wie er mit rassistischen Angriffen umgeht.

Als Lester Soyza 1960 in Sri Lankas Hauptstadt Colombo geboren wird, ist der Inselstaat bereits zwölf Jahre unabhängig von den britischen Kolonialherrschern. Sechs Jahre später wandern seine Eltern mit ihm und den vier Brüdern nach Großbritannien aus. „In London fanden meine Eltern Arbeit und ein Haus für uns“, erzählt Lester Soyza, der streng katholisch erzogen wurde und demnach in seiner neuen Heimat ausschließlich katholische Schulen besucht hat. „Dank meiner sehr, manchmal extrem katholischen Mutter bin ich ein gläubiger Mensch geworden“, erklärt er. „Aber nicht unbedingt römisch-katholisch, sondern universalkatholisch.“

Mit 18 nimmt er eine Stelle in einem Lebensmittellabor in Croydon (Südost-London) an. In seiner Freizeit ist er in der christlichen Jugendarbeit engagiert. „Ich war bei Babtisten, Methodisten, der Church of England und schließlich bei der Heilsarmee.“ Immer mehr von der Jugendarbeit eingenommen, gibt er schließlich die Labortätigkeit auf und studiert Sozialpädagogik an der Universität in Birmingham. Danach stellt ihn die Katholische Kirche in London als Jugendbetreuer ein. Drei Jahre später gönnt er sich sechs Monate Auszeit, um dann im Rahmen eines Projektes einer ökumenischen Organisation mit Menschen mit Behinderung zusammenzuleben. „Dort habe ich gelernt, wie wertvoll jeder Mensch ist, und dass wir alle gleich sind.“

Ende der 1980er Jahre reist Lester Soyza mit einer Jugendgruppe zu einem internationalen Jugendtreffen in den französischen Ort Théziers. Dort lernt er eine Niederösterreicherin kennen, die ihrerseits mit Jugendlichen an dem Treffen teilnimmt. Lester beschließt, zu ihr nach Niederösterreich zu ziehen. In Klosterneuburg hat er sofort einen Job: Er wird er als Betreuer für Menschen mit Behinderung beschäftigt.

1989 begegnet ihm in Klosterneuburg die Liebe seines Lebens: Beatrix, eine Sonderpädagogin aus Vorarlberg. Geheiratet wird 1992 in Dornbirn. Und Lester wird Vater von zwei Söhnen – David (28) und Samuel (26) – und einer Tochter namens Lea (24). „Mit Beatrix und unseren Kindern habe ich ein unglaublich glückliches Leben“, sagt er und blickt stolz auf die eingerahmten Fotos an der Wand, auf denen die Kinder in verschiedenen Altersstufen abgebildet sind. Alle drei sind schon aus dem Haus und führen ihre eigenen Leben.

Angespuckt

Lester Soyzas beruflicher Weg in Vorarlberg hat bei der Lebenshilfe begonnen. Seit 2015 ist er bei der Caritas Flüchtlingshilfe angestellt. Von 2015 bis 2017 betreut er unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF). Seit Februar dieses Jahres leitet er die Flüchtlingsunterkunft für UMF, das Haus Amos in Bregenz. „Ich bin der Caritas dankbar, dass sie mir diese Leitungsposition anvertraut“, betont er.

Sich hier einzuleben, sei nicht schwierig gewesen, sagt er. Deutsch spricht er längst ausgezeichnet. Allerdings wird er aufgrund seiner Hautfarbe immer wieder mit Rassismus konfrontiert, sowohl im Rahmen seiner Arbeit als auch privat: „Das war schon so in England, das ist auch hier so.“ Er sei sogar schon angespuckt worden. Für sich selber hat er längst gelernt, damit umzugehen. Aber für seine Schützlinge – Geflüchtete aus allen Teilen der Welt – sind rassistische Attacken, in jeder Form, schwer zu ertragen. Ihnen macht er Mut. Ihnen hilft er, „ihren Kopf wieder zu heben“. Dabei müsse er gar nicht viel tun, sagt Lester, „sondern einfach nur da sein und zuhören. Mein Ziel war es schon immer, Menschen zuzuhören und somit an ihren Leben teilzuhaben“.

Die Frage, ob er an Heimweh leidet, könne er nur auf spiritueller Ebene beantworten: „Ich bin nicht Sri Lanker, auch nicht Engländer, auch nicht Österreicher. Ich bin wo ich bin. Jetzt bin ich hier.“

„Dort habe ich gelernt, wie wertvoll jeder Mensch ist, und dass wir alle gleich sind.“

Lester Soyza ist stolz auf seine drei Kinder. HRJ
Lester Soyza ist stolz auf seine drei Kinder. HRJ

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