Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Zwischen Nähe und Distanz

Vorarlberg / 28.11.2022 • 21:13 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Intransparent, das sind immer die anderen. Gerade jetzt, nachdem im Zuge der Chat-Affäre Presse-Chefredakteur Rainer Nowak und ORF-TV-Chefredakteur Matthias Schrom (ein langjähriger Kollege von mir) zurückgetreten sind, sprechen alle im politmedialen Betrieb gerne über die Wichtigkeit von Transparenz und natürlich darüber, wie transparent und anständig man selbst agiere, im Gegensatz zu so manch Verhaberten.

Man kann allerdings gewisse Verhaltensweisen nicht richtig finden und sich dennoch nicht über die anderen erheben. Sich selbst für besser zu halten als andere, das machen viele, um sich gut zu fühlen. Diese Selbstüberhöhung, die man derzeit beobachten kann, dürfte aber auch ein Ausdruck einer Déformation professionnelle von uns Medienleuten sein – das kommt davon, wenn man sich täglich mit der Analyse des Verhaltens anderer und weniger mit der Analyse der eigenen Unzulänglichkeiten beschäftigt. Leider ist Selbstreflexion schwieriger als Selbstgerechtigkeit.

Nähe kann entstehen

Also lieber bei sich selbst beginnen. Wenn ich reflektiere, wie ich mit dem sensiblen Nähe- und Distanzverhältnis zur Politik umgehe, muss ich zugeben: Nähe kann manchmal entstehen, das Du-Wort passiert auch. Ob mit dem Politiker aus dem eigenen Bundesland oder dem Unternehmer, der Karriere in der Spitzenpolitik macht. Wobei das „Du“ kein Problem darstellt, wenn man sich in der eigenen Rolle rollengerecht verhält und Grenzen ziehen kann. Allerdings nehme ich von Politikerinnen und Politikern keine Einladung in ihren Weinkeller oder in ihr Wochenendhaus an, bewirte sie nicht bei mir zu Hause oder erscheine nicht auf ihren privaten Geburtstagsfeiern. Wer in solchen Fällen trotzdem die innere Distanz bewahren kann – Respekt.

Eine frühe journalistische Erfahrung war mir hilfreich, um Abgrenzung zu lernen. Als ich eine Geschichte über eine junge Regionalpolitikerin schreiben sollte, die unerwartet politisch aufgestiegen war. Ich hatte mich mit der fast Gleichaltrigen angefreundet, Ausgehen und Tratschen inklusive. Und dann der Text über sie im neuen Amt – die Arbeit daran war ambivalent, die Nähe war mir unangenehm, die Geschichte blieb unentschlossen. Diese Freundschaft sein zu lassen und sich professionell gut zu verstehen, war meine Lösung.

Medienleute können so ein Problem heute auch anders lösen: Zum Beispiel eine Geschichte abgeben, wenn man sich bei Person oder Thema befangen fühlt. Oder das Interview mit dem Manager, der Politikerin durch eine Offenlegung über das persönliche Verhältnis ergänzen. Das wäre dann wirklich jene Transparenz, von der alle so gerne sprechen.

„Leider ist Selbstreflexion schwieriger als Selbstgerechtigkeit.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.

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