Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Schwierige Verhältnisse

Vorarlberg / 29.11.2022 • 20:16 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Eine Geschichte in zehn Teilen.

Teil 10

Seit Andi verkündet hatte, er würde mit Luise zum Studieren nach Berlin gehen, hatte sein Vater aber dann doch keine Ruhe mehr. Berlin war ein großes Maul, und es würde den Buben, der keiner mehr war, verschlucken. Und er? Er, der nun nur noch ein halber Vater war? Er würde ein neues Leben beginnen. Schließlich war er erst siebenundvierzig. Er kündigte bei seiner Aufzugsfirma, machte sich im Internet kundig, wie viele ähnliche Firmen in Berlin ansässig waren – viele. Er schrieb Bewerbungen.

Lange hatte er darüber nachgedacht, wie es wäre, ebenfalls in Berlin zu wohnen. Er hätte Andi und Luise in der Nähe, ohne dass sie es wüssten. Er aber immerhin die Hand über ihnen – und sie ihre Hände über ihm.

Er gab seine Wohnung auf und ging zum Frisör. Keinem erzählte er von seinem Vorhaben. Er steckte das schönste Foto seiner geschiedenen Frau in seine Brieftasche, nahm es aber wieder heraus. Jedes Mal, wenn er zahlte, würde er ihr liebes Gesicht sehen, die blauen Augen. Sie musste ausgelöscht werden.

Er würde auf Andi und Luise vor ihrer Wohnung warten, so tun, als wäre es ein Zufall. Er würde es einfach behaupten. Oder auch nicht so tun, es wäre egal. Der Mensch ist frei, die Welt ist groß! Er würde sich fühlen wie siebenundzwanzig, würde tanzen gehen – tanzen konnte er gut. Er würde siebzehn Kilo abnehmen, würde sich neu einkleiden, würde ein vornehmes Rasierwasser kaufen und ungarische Schuhe. Budapester.

So geschah es.

Luises Mutter nahm den Antrag des Wäschereibesitzers an. Auch sie gab ihre Wohnung auf. Sie zog zu ihm. Ob Luise mit ihm einverstanden wäre, musste noch geprüft werden. Mehr aber auch nicht. Luise würde froh sein, ihre Mutter versorgt zu wissen. Sie würden regelmäßig skypen, und ab und zu würden sie einander besuchen.

Die Mutter würde weiter als Büglerin arbeiten, es stand ihr frei zu faulenzen, aber sie würde den Bügelgeruch zu sehr vermissen, um ganz die Chefin zu spielen. Am Feierabend zog sie einen seidenen Sari an. Sie besaß sieben Stück. Geschenke!

Ihr neuer Mann würde sie bitten, kein Rindfleisch zu kochen, weil die Kuh ja ein heiliges Tier ist und das Symbol der lebensspendenden Mutter. Könnte sein, dass sie nur mehr vegetarisch essen, köstlich und scharf. Ihr Mann würde sie auf Händen tragen. Bitte, wörtlich! Sie war eine leichte Frau, und er war ein starker Mann, inzwischen bereits geprägt von der europäischen Tradition, kein Macho also im Großen und Ganzen. Ihr Glücksbringer war ein Elefant, das Zeichen für Vollkommenheit.

„Ihr Glücksbringer war ein Elefant, das Zeichen für Vollkommenheit.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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