Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Warten auf den Briefträger

Vorarlberg / 29.11.2022 • 12:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Das Wochenende verbrachte ich damit, dem Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch zu lauschen. Mehr als 300 Briefe, beginnend im Jahr 1958, gelesen mit den warmen Stimmen von Johanna Wokalek und Matthias Brandt, dazwischen Erklärungen der Germanistinnen, die die Korrespondenz gesichtet und geordnet haben. Meine Küche ist jetzt sehr sauber geputzt, der Gefrierer ist abgetaut, das Badezimmer glänzt bis in die schmalsten Ritzen hinein, ich habe Kuchen gebacken und einer Freundin zum Geburtstag etwas Warmes gestrickt. Geschrieben wurde nicht viel, da man leider nicht gut gleichzeitig hören und schreiben kann.

„Sowas gibt’s heutzutage nicht mehr. Weil wer schreibt heute noch einen Brief.“

Bachmann und Frisch waren vier Jahre ein Paar, schrieben sich aber nach dem Ende ihrer Liebe noch lange weiter. Und man kann’s nicht anders sagen: Sowas gibt’s heutzutage nicht mehr. Weil wer schreibt heute noch einen Brief.

Es werden hier jetzt keineswegs nostalgisch die guten alten Zeiten beschworen. Was bin ich dankbar für die moderne Kommunikation. Sie ist simpel, niederschwellig und unanstrengend, man muss nicht, wie Bachmann und Frisch, ständig auf die Post laufen oder im Ausland erstmal eine finden. Man muss nicht jeden Werktag auf den Briefträger bangen, ob er einen Brief bringt, und der Tag danach ist nicht verloren, wenn nicht. Es fällt die Verwirrung und das Durcheinander weg, wenn Briefe sich verzögern, in der falschen Reihenfolge ankommen und dadurch frühere Fragen länger unbeantwortet und die Bangenden im Ungewissen lassen. Die moderne Kommunikation mit Mails, WhatsApp oder Signal und via Soziale Medien: Sie bewirkt auch, dass Eigenbrötler, wie es Schriftstellerinnen von Berufs wegen nun einmal sein müssen, in ihrer selbstgewählten Isolation nicht verloren gehen, weil man sich stets der Anwesenheit von Freundinnen und Familien versichern und sich zu jeder Tageszeit von irgendwoher Zuspruch und Aufmunterung holen kann. So ist man nie aus der Welt.

Aber dafür gibt es keine Briefe auf Papier mehr, die in Schatullen, Schubladen und Archiven überdauern. Die irgendwann, nach Jahren, vielleicht Jahrzehnten ihren Kuverts entnommen und entfaltet werden und dann eine Geschichte erzählen. Wie die der Liebe von Bachmann und Frisch und ihres Scheiterns, die mich einsaugte, und der ich lauschte wie hypnotisiert. (Wurde nur zwischendurch immer wieder erschreckt, da quasi angesprochen, denn in den Briefen wird wiederholt eine Frau Knecht erwähnt, die Bachmann und Frisch damals ihre Wohnung in Uitikon vermieteten.)

Ich werde jedenfalls heute wieder einmal einen Brief schreiben; und ich weiß auch schon an wen.

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.

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