Mit 50 noch einmal neu angefangen

Vorarlberg / 30.11.2022 • 10:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Jürgen Alge hat sich mit einem Hausmeisterservice selbstständig gemacht.
Jürgen Alge hat sich mit einem Hausmeisterservice selbstständig gemacht.

Jürgen Alge (55) gab im Beruf immer sein Bestes und war erfolgreich. Das bewahrte ihn aber nicht vor Krisen und Rückschlägen.

Hohenems Die Eltern von Jürgen Alge betrieben in der ehemaligen Stickereihochburg Lustenau eine Stickerei. Schon als Zehnjähriger half er seinen Eltern bei der Arbeit. „Ich habe Schiffli gefüllt. Das machte mir Spaß“, erinnert sich der 55-Jährige. Die berufliche Tätigkeit seiner Eltern blieb nicht ohne Wirkung auf ihn. Jürgen konnte sich vorstellen, den Familienbetrieb einmal fortzuführen. Deshalb absolvierte er die Textilschule und vertiefte sein Wissen in der Meisterklasse.

In verschiedenen Stickereien im In- und Ausland sammelte der junge Lustenauer erste Berufserfahrung. Schnell wurde man auf seine Fähigkeiten aufmerksam und setzte ihn als Schichtleiter ein. Das kam ihm zupass. Denn: „Ich wollte nicht direkt an der Maschine arbeiten. Ich wollte etwas Anspruchsvolleres machen.“

Da war Jürgen Alge noch Geschäftsführer der Firma Brodissima.<span class="copyright"> Dünser</span>
Da war Jürgen Alge noch Geschäftsführer der Firma Brodissima. Dünser

In einer großen Stickereifirma in Lustenau leitete Jürgen von 1999 bis 2008 die Ferggerei, den Dreh- und Angelpunkt des Unternehmens. „Ich hatte 25 Mitarbeiter unter mir.“ Im Jahr 2008 ging der Betrieb in Konkurs. „Wir waren eines der ersten Opfer des Niedergangs der heimischen Textilindustrie. 40 Mitarbeiter verloren den Job.“

Unter dem Namen „Brodissima“ wagte Jürgen mit vier weiteren Mitarbeitern der insolventen Lustenauer Traditionsstickerei im Jahr 2008 einen Neuanfang. Deutlich weniger Personal, gestraffte Strukturen, aber traditionelle Qualität sollten den gewünschten Erfolg bringen. „Wir haben an den Erfolg der Vorarlberger Stickereiwirtschaft geglaubt“, legt Jürgen die damaligen Beweggründe zur Unternehmensneugründung dar. Der Brodissima-Geschäftsführer musste aber relativ schnell einsehen, dass seine Firma, die sich auf den Wäsche- und Dessousbereich spezialisiert hatte, nicht gewinnbringend betrieben werden konnte. „Wir haben selber Kollektionen gemacht und gemerkt, dass wir in Bezug auf die Preise nicht konkurrieren konnten. Außerdem war die Nachfrage nach unseren Produkten rückläufig. Wir machten immer weniger Umsatz.“

Als selbstständiger Hausmeister mäht Jürgen Alge auch Rasen und schneidet Hecken.
Als selbstständiger Hausmeister mäht Jürgen Alge auch Rasen und schneidet Hecken.

Jürgen reagierte darauf und zog die Reißleine. Im Jahr 2015 stellte er den Betrieb ein. Der Vater von zwei Töchtern blieb in der Branche, eine große Stickerei in Lustenau stellte ihn als Führungskraft ein. Aber nur zweieinhalb Jahre später rationalisierte man ihn weg. „Die Konjunktur war schwach. Mitarbeiter, die noch nicht lange in der Firma waren, wurden gekündigt.“

Die Kündigung schockte den 50-jährigen Familienvater. Aber sie zog ihm nicht den Boden unter den Füßen weg. Denn aus seiner Lebenserfahrung wusste er: Wenn eine Tür zugeht, gehen zwei andere auf. Nach der Kündigung lief er zu Fuß nach Hause, von Lustenau nach Hohenems. „Ich rief meine Frau an. Sie war entsetzt und frage mich: ,Was tun wir jetzt.‘ Ich antwortete: ,Keine Angst Angelika, in ein paar Wochen oder Monaten werde ich wieder einen neuen Job haben.“ Seine positive Lebenseinstellung kam ihm auch in dieser krisenhaften Situation zugute. „Ich bin ein Optimist. Wo ein Wille, da ein Weg. Probleme sind nicht da, um sie größer zu machen, sondern um sie zu lösen. Diese Einstellung hat mir in meinem Leben immer weitergeholfen, sowohl im Beruflichen als auch im Privaten.“

Jürgen Alge mit seiner Frau Angelika.
Jürgen Alge mit seiner Frau Angelika.

Auch als er im Jahr 2013 in ein Burn-out schlitterte, weil er übermäßig viel gearbeitet hatte, half ihm seine lebensbejahende Grundhaltung. „Ich kam schnell wieder auf die Füße. Die Atemnot und die Schwäche verschwanden, als ich die Entscheidung traf, meine Firma aufzulösen.“ Jürgen arbeitete sehr gerne in der Textilindustrie. „Es wäre schön gewesen, wenn ich bis zur Pensionierung in der Stickereibranche bleiben hätte können – es war mein Traumberuf, trotz aller Strapazen.“ Wenn er heute in einer Geschäftsauslage eine Stickerei sieht, wird in ihm etwas angerührt. „Da merke ich, dass ich gedanklich noch in diesem Beruf bin.“

In seiner Freizeit wandert der Unternehmer gerne.
In seiner Freizeit wandert der Unternehmer gerne.

Doch Jürgen geht längst einer anderen Tätigkeit nach. Nach der Kündigung lotete er seine Chancen aus und schnupperte in verschiedene Firmen hinein, unter anderem war er kurzzeitig auch für einen Immobilienverwalter tätig. „Da sah ich, dass bei Wohnanlagen viele Arbeiten anfallen und Bedarf nach Hausmeistern besteht. Deshalb beschloss ich, mich selbstständig zu machen in der Hausmeisterei. Mein Ziel war es, Wohnblocks zu betreuen.“

Die Arbeit erfüllt ihn

Jürgen war überzeugt, dass er seine Professionalität auch in dieser Branche einbringen konnte. Er meldete im Jahr 2018 das Gewerbe an und nahm Kontakt mit verschiedenen Hausverwaltern auf. „Meine Dienste wurden schnell angenommen. Bereits nach dem ersten Quartal ging es steil bergauf.“ Bald musste der Neo-Unternehmer Mitarbeiter einstellen, um die Flut an Aufträgen bewältigen zu können. Inzwischen muss Jürgen wegen Personalnot Aufträge ablehnen. „Ich habe derzeit drei Mitarbeiter, bräuchte aber mehr und bekomme sie nicht.“ Der 55-Jährige arbeitet selbst fest mit, mit Herzblut wie er betont. „Ich bin mir nicht zu gut für diese Arbeiten. Diese Jobs sind wichtig für die Allgemeinheit.“ Jürgen findet, dass seine Arbeit sehr sinnvoll ist. „Sie wird auch wertgeschätzt. Immer wieder loben mich Hausbewohner.“

Die Arbeit ist für ihn Erfüllung. „Es ist schön, wenn man gebraucht wird. Jeder braucht eine Aufgabe, egal was für eine.“ Er ist dankbar, „dass ich heute so im Leben stehe“. Dass er gesund ist, jeden Tag aufstehen und arbeiten kann, ist für ihn keine Selbstverständlichkeit. „Das ist ein Geschenk.“ Zufrieden stimmt ihn nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit. Denn: „Ich habe immer mein Bestes gegeben.“

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