„Geduld trägt Belohnung in sich“

Vorarlberg / 02.12.2022 • 17:40 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Wandmalereien belohnen die Geduld der Besucher überreich.
Die Wandmalereien belohnen die Geduld der Besucher überreich.

Wer ständig auf die Tube drückt, fährt an den kostbarsten Augenblicken achtlos vorbei.

Ludesch Kirchen entschleunigen. Wer das Portal aufstößt, verlangsamt unbewusst den Schritt. Bilderpracht oder kahle Wände, gleichwohl: Besucher zügeln ihre Eile und schauen. Hat sich das Auge erst an das Dämmerlicht gewöhnt, finden sie in St. Martin oberhalb von Ludesch aus dem Staunen nicht heraus: so üppig haben Künstler über die Jahrhunderte hinweg den Glauben in Stein gehauen und aus Holz geschnitzt, gemalt und beschrieben. Der stille Raum belohnt überreich alle Geduld der Anreise, des Aufstiegs.

Warum der Künstler 1645 neben Glaube, Liebe und Hoffnung die Geduld an der Kanzelwand verewigt hat, wissen wir nicht. Er schnitzte dafür eine Frau in höfischer Kleidung, die ihre Wange liebevoll an eine Katze schmiegt. Sie hält die Augen geschlossen. „Hauptsach, d’Katz isch gstreichelt“, fällt Johannes Lampert (38) ein alemannisches Sprichwort ein, das er möglicherweise selber erfunden hat. Es lenkt den Blick aufs Wesentliche. Ist der Göfner Jugend- und Kulturarbeiter ein geduldiger Mensch?

Blick in den Spiegel

„Ich habe mich immer für den geduldigsten Menschen der Welt gehalten“, antwortet er schmunzelnd, bis ihn sein heute dreieinhalbjähriger Sohn Junis eines Besseren belehrte. „Wenn er ungeduldig wird, liegt das nur an meiner Ungeduld.“ Der Kleine hält dem Papa den Spiegel vor. In einen zweiten Spiegel blickte Lampert beim Umbau seines 500 Jahre alten Bauernhauses. „Ich hab vieles selber gemacht.“ Und er hat lernen müssen, dass alles besser geht, wenn man sich Zeit lässt. „Wenn die Handwerker morgens auf die Baustelle kommen und du bietest ihnen zuerst eine Tasse Kaffee an, da passiert irgendwas.“

Lampert ist Jugend- und Kulturarbeiter und Texter. Wie hat er die „Zwangsberuhigung“ durch Corona und Homeoffice erlebt? „Ganz ehrlich, beruflich und privat waren die ersten beiden Lockdowns ein absolutes Seelenheil.“ Sie haben ihn rechtzeitig aus der verfahrenen Welt der Gleichzeitigkeiten erlöst. „Das hatte überhandgenommen.“ Schon vor sieben Jahren haben ihm Ärzte eine Notbremse verordnet. Er war auf zu vielen Gleisen unterwegs. „Da saß ich dann in meinem Feldkircher Textbüro am Telefon und habe etwas vereinbart, aufgelegt und nicht mehr gewusst, was gerade passiert ist.“ Jetzt, im ersten Lockdown „lehnte ich südseitig am Haus und hab in den blauen Himmel geschaut, wo kein Flugzeug flog. Das erste Mal hab ich seit gefühlten 15, 20 Jahren gespürt, dass da einfach nichts ist, was auf mich wartet.“

Muss Geduld belohnt werden?

Während der Wintermonate hält St. Martin geschlossen, weil die Kirche keine Heizung hat. Wenn Besucher es erwarten können, wird ihre Geduld im Frühjahr allein durch die 25 Szenen der Passion Christi aus der Mitte des 17. Jahrhunderts an der Nordwand und den spätgotischen Marienzyklus gegenüber überreich belohnt. Braucht nicht jede Geduld ihr Ziel, ihre Belohnung? Da schüttelt Lampert den Kopf.

„Es ist eher das Gegenteil der Fall“, sagt er. „Statt einer Aussicht hilft mir die Einsicht, die aus so einem Moment geübter Geduld etwas Freudiges macht. Der Augenblick der Geduld trägt die Belohnung in sich.“ Das hat etwas zutiefst Meditatives. „Stell dir vor, du stehst auf dieser Anhöhe neben der Kirche und schaust ins Tal. Das Handy surrt, du solltest schnell … musst jetzt aber rasch … und bleibst einfach stehen.“ Lampert liebt das Wort „zwischen“. Es beschreibt den kostbaren Zeitraum zwischen dem einen und dem nächsten Termin. Es schenkt uns die Möglichkeit, nicht sofort auf alles reagieren zu müssen. Wenn wir diesen Zwischenräumen mehr Beachtung schenkten, sähe die Welt anders aus. TM

Kirchen verlangsamen den Schritt. Wer das Portal aufstößt, betritt eine andere, stille, langsamere Welt. Thomas Matt (3)
Kirchen verlangsamen den Schritt. Wer das Portal aufstößt, betritt eine andere, stille, langsamere Welt. Thomas Matt (3)
Johannes Lampert mit einem kleinen Adventbegleiter der Jungen Kirche. „Weihwasser to go“ – auch so eine Aufforderung, sich mitunter etwas Gutes zu tun.
Johannes Lampert mit einem kleinen Adventbegleiter der Jungen Kirche. „Weihwasser to go“ – auch so eine Aufforderung, sich mitunter etwas Gutes zu tun.

Etwas erwarten können

Das Christentum ist uralt. Auf der Anhöhe oberhalb von Ludesch blickt schon seit dem neunten Jahrhundert ein Gotteshaus in den Walgau. Und das Christentum ist jung. Sonst würden sich kaum Menschen wie der Göfner Jugendarbeiter Johannes Lampert darum bemühen. Die Kanzel in der Ludescher Kirche St. Martin gibt für diesen Advent die vier Themen vor: Die drei Kardinaltugenden Glaube, Liebe und Hoffnung. Und der unbekannte Künstler hat ein viertes Bild hinzugefügt: Die Geduld dazu. Von ihr soll heute die Rede sein.

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