„Im Keller nützt die Rampe wenig“

Vorarlberg / 02.12.2022 • 21:02 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
feldkirch Von den Pflastersteinen in der Stadt wird Fritsch ordentlich durchgerüttelt.
feldkirch Von den Pflastersteinen in der Stadt wird Fritsch ordentlich durchgerüttelt.

Karin Stöckler und Georg Fritsch haben das Land und seine Barrieren unter die Lupe genommen.

schwarzach „Barrierefreiheit ist für alle ein Vorteil“, gibt Karin Stöckler, Landespräsidentin beim Österreichischen Zivilinvalidenverband (ÖZIV) zu verstehen und fügt hinzu: „Kaum hat man einen Koffer in der Hand, einen Kinderwagen zu schieben, ist auf den Rollstuhl oder Rollator angewiesen, stellen Stiegen, Kopfsteinpflaster oder hohe Gehsteige Barrieren dar.“ Die 54-Jährige wurde mit Glasknochen und dadurch bedingter Kleinwüchsigkeit geboren. Tägliche Barrieren wie beispielsweise zu hohe Pulte in Arztpraxen, der Bankomat von nebenan oder das Schloss an der Behindertentoilette machen der Lochauerin das Leben schwer.

Automaten in Bregenz

Auch in Bregenz stößt Stöckler immer wieder auf Hindernisse. Der Ticketautomat im Landeskrankenhaus Bregenz ist eines von vielen Beispielen dafür. Zu hoch oben ist die Öffnung für das Parkticket, auch die Auswahl für Kartenzahlung oder Bargeld ist für die 54-Jährige nicht zu erreichen.

Besser gelöst wurde das Problem allerdings z.B. beim GWL. Dort ist der Bankomat niedriger eingerichtet, sodass er auch von der Lochauerin ohne Unterstützung bedient werden kann. Wer möchte denn schon jemand anderen, womöglich einen Fremden, mit der eigenen Karte und Bekanntgabe des Codes am Automaten hantieren lassen?

Behindertentoiletten in Dornbirn

In Dornbirn wurde bei der Errichtung der öffentlichen Behindertentoilette bei der St. Martin Kirche wohl keine Rücksicht auf Rollstuhlfahrer genommen. Das Schloss für den Eurokey, den Schlüssel für beispielsweise Behindertentoiletten, ist für eine Person im Rollstuhl unmöglich zu erreichen. Hier muss auf fremde Hilfe gehofft werden.

Laut Bundesbehindertengleichstellungsgesetz ist Barrierefreiheit erst dann gegeben, wenn bauliche Anlagen, Verkehrsmittel sowie andere Lebensbereiche für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind. „Das trifft auf die Behindertentoilette bei der St.-Martin-Kirche nicht zu. Genauso wenig wie auf diverse Geldautomaten, Wohn- und Geschäftsgebäude“, lässt Karin Stöckler wissen.

Auch Georg Fritsch stößt tagtäglich auf bauliche Schwierigkeiten. „Vor ein paar Wochen bin ich mit dem Zug nach Hause gefahren. Kaum in Rankweil angekommen, musste ich feststellen, dass der Fahrstuhl defekt war“, erzählt der 57-Jährige, der seit einem Verkehrsunfall im Alter von fünf Jahren gehbehindert ist. „Glücklicherweise kann ich noch ein paar Meter gehen, wenn ich mich irgendwo festhalten kann. Ein paar Männer waren auch in der Nähe. Sie haben meinen Rollstuhl dann die Stiege hinunter getragen haben.“ Für Fritsch ein einprägender Moment. Immer wieder erwähnt er, was wohl gewesen wäre, wenn er nicht mehr selbstständig über die Treppe hinunter gekommen wäre. „Ich hätte vermutlich am Bahnhof übernachten müssen“, sagt er scherzhaft, doch als Scherz ist das bestimmt nicht gedacht.

Pflastersteine in Feldkirch

Auch in Feldkirch finden sich schnell einige Hürden. Die Parfümerie Marionnaud oder die Bäckerei Mangold in der Innenstadt sind Beispiele dafür. Beide Geschäfte sind am Eingang mit einer Stufe versehen. Auf Nachfrage, wie der Rankweiler nun das Lieblingsparfüm seiner Freundin für Weihnachten kaufen oder sich sein Brötchen zu Mittag in der Bäckerei holen soll, wurde von den Angestellten mitgeteilt, dass man eine Rampe im Keller habe. „Im Keller nützt mir die Rampe reichlich wenig“, gibt der 57-Jährige zu verstehen. Auch die Pflastersteine in der Innenstadt machen Fritsch das Leben schwer. Immer wieder verfangen sich die Vorderräder in den Fugen. Doch auch am Jahnplatz, der erst 2019 fertigstellt wurde, wurden wieder Pflastersteine verlegt. „Natürlich sehen diese schöner aus als ein komplett geteerter Boden, doch wenigstens einen erschütterungsarmen Streifen hätte man in die Planung mit einfließen lassen können“, gibt der 57-Jährige zu verstehen. Der Rankweiler fühlt sich außen vor gelassen. „Hätte man das nicht bedenken können?“

Die aktuelle Verlegung des neuen Kopfsteinpflasters in Feldkirch ließ den ÖZIV aufhören. Wie die VN berichteten, wird in der Neustadt barrierefreies Kopfsteinpflaster verlegt. Das sehen die Fachexperten des ÖZIV skeptisch.

„In der Ö-Norm B1600 heißt es unter Punkt 7.2: Bodenbeläge im Freien müssen leicht und erschütterungsarm berollbar sein. Als erschütterungsarm berollbar gelten nur Beläge mit einer ebenen Oberfläche. Weiter heißt es: Bei Pflasterungen und Bodenbelägen mit Fugen darf die Höhendifferenz zwischen Belagsoberfläche und Verfugung nicht mehr als 0,5 cm betragen“, bezieht Feldkirchs Stadtbaumeister Gabor Mödlagl Stellung. Vor den Bauarbeiten seien Gespräche mit Feldkirchs Behindertenvertretern geführt und es sei von den Vertretern bestätigt worden, dass die Steine geeignet sind. „Wir haben ein vitales Interesse daran, den Bürgern eine barrierefreie Stadt zur Verfügung zu stellen. Daran arbeiten wir mit großem Engagement“, hält der Stadtbaumeister fest.

„Bei der Pflasterung hätte man einen erschütterungsarmen Streifen einplanen können.“

bregenz Der Ticketautomat im Landeskrankenhaus ist für Stöckler ohne fremdes Zutun nicht bedienbar.
bregenz Der Ticketautomat im Landeskrankenhaus ist für Stöckler ohne fremdes Zutun nicht bedienbar.
dornbirn Die Behindertentoilette bei der St. Martinskirche ist alles andere als Barrierefrei.
dornbirn Die Behindertentoilette bei der St. Martinskirche ist alles andere als Barrierefrei.
dornbirn Der Stadtmarkt ist ein gutes Beispiel, wie Barrierefreiheit funktioniert. VN/SAH
dornbirn Der Stadtmarkt ist ein gutes Beispiel, wie Barrierefreiheit funktioniert. VN/SAH
„Im Keller nützt die Rampe wenig“

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