Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Wo ist die Leichtigkeit geblieben?

Vorarlberg / 02.12.2022 • 18:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wer diesen Winter in eine Skihütte mit warmer, dicker Luft stapft, muss unweigerlich früher oder später an infektiöse Aerosole denken.

Wer eine weihnachtliche Lichterkette sieht, überlegt argwöhnisch, wie viel Strom sie verbrauchen mag, noch bevor die Lichtlein das Herz erfreuen.

Wer im warmen Wohnzimmer sitzt, fühlt sich in der Verteidigungspflicht, weshalb man nicht bei 19 Grad ausharrt. 

Es wird gestreikt, es fehlt das Geld. Nichts ist sicher. Und Krieg in Europa ist auch. Vom Klimawandel ganz zu schweigen.

Klar, die Krisenjahre machen etwas mit uns, vor allem wenn’s neblig, kalt und dunkel wird. 

Das Reuters Institut der Universität Oxford erhebt Jahr für Jahr, wie Menschen mit Nachrichten umgehen. Wo und wie was gelesen wird (zunehmend mobil). Wie es mit dem Vertrauen in Medien aussieht (deutlich verbesserungswürdig). Und eben auch, dass dieses Jahr 38 Prozent der Befragten angaben, dass sie häufig oder zumindest manchmal Nachrichten gezielt aus dem Weg gehen. 2017 sagten das noch 29 Prozent. Die Zeiten sind ernster geworden und mit ihnen die Nachrichten. Das Bundesheer hat mir als Weihnachtsgeschenk Dosenbrot auf den Schreibtisch gestellt, haltbar bis 2032. Das hätte man vor einem Jahr auch noch nicht verstanden. 

Wir alle – auch die Journalistinnen und Journalisten – sind aufgerufen, nicht immer den Weltuntergang hinter der nächsten Hausecke zu vermuten. 

Die Flucht aus der Realität in ein Paralleluniversum ist meistens die schlechteste aller möglichen Entwicklungen. In einem Beitrag im ‘Deutschlandfunk’ sagte Medienpsychologin Maren Urner von der Berliner Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft: “Wenn wir davon ausgehen, dass wir in einer liberalen Demokratie leben möchten, brauchen wir Menschen, die sich informieren.”

Information ist natürlich nicht alles. Dass wir uns in die Lage anderer hineinversetzen und ihre Gefühle nachvollziehen können, das macht uns als empathische Wesen aus. 

Es ist hart genug, das an dieser Stelle aufzuschreiben. Aber wir müssen wieder zu leben lernen. Entdecken, wie man Freundschaften pflegt und knüpft. Wie man an einem Samstagnachmittag fünfe gerade sein lässt. Wie wir als Gesellschaft nach Jahren des Abstandhaltens wieder näher zusammenrücken. 

Die Weihnachtszeit würde sich dafür besonders gut eignen. Ich mag das Idealistische noch nicht abgeworfen haben. Aber Nächstenliebe wünsche ich uns allen.

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.