Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Vielgeprüftes Österreich

Vorarlberg / 04.12.2022 • 19:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Österreich 2022: Ein betrübliches Sittenbild“. Dieses Resümee zieht einer der profundesten Journalisten Österreichs, der 93-jährige Paul Lendvai, in seinem neuen Buch „Vielgeprüftes Österreich“ (Ecowin-Verlag, 307 Seiten). Lendvai, 1957 nach Österreich geflüchtet und 1959 eingebürgert – das im Wiederaufbau befindliche Land hatte damals für kurze Zeit fast 200.000 Ungarn zumindest für kurze Zeit aufgenommen: „Ich gehöre zu einer Minderheit mit einer Bindestrich-Identität. Als gebürtiger Ungar mit einem fremden Akzent in einem deutschsprachigen Land, als Jude unter Katholiken und Protestanten.“ Er hat mit über 50 Politikern und Politikerinnen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Gespräche geführt und schreibt „mit einer tief verwurzelten Dankbarkeit, aber zugleich auch der Sorge um die Zukunft“.

Lendvai verschont niemanden. Er nennt die ÖVP die „ungewöhnlichste Volkspartei Europas“. Er lobt die Verdienste von ÖVP-Urgesteinen wie Julius Raab um den Staatsvertrag oder Kanzler Josef Klaus („der neben Fred Sinowatz am meisten unterschätzte oder vergessene Bundeskanzler“ (1966-1970). Er nennt den Außenminister und Vizekanzler Alois Mock „die symbolträchtige Anständigkeit“ oder Mocks Nachfolger als Parteiobmann, Erhard Busek, einen „großen Denker und Reformer“. Dann aber liest man im Kapitel „Von Wolfgang Schüssel zu Sebastian Kurz – vom Original zur misslungenen Kopie“. Kurz ist für ihn „der zweifellos geschickteste politische Kommunikator, den ich in Österreich erlebt habe“, nennt ihn einen grandiosen Polit-Schauspieler, wirft ihm aber „hinterhältige Intrigen“ gegen seinen Vorgänger Mitterlehner vor: „Die Lehren aus der politischen Korruption durch manipulierte oder gekaufte Medien sollten uns allen eine Warnung sein.“ Lendvai charakterisiert die politische Elite mit feiner Klinge, etwa Verteidigungsministerin Tanner, der er die Sanierung des Bundesheers nicht zutraut: „Sie sollte sich wieder ihrem so wichtigen eigentlichen Fachbereich, nämlich der Landwirtschaft, widmen.“

Hart geht Lendvai mit der SPÖ ins Gericht. Für ihn sind Karl Renner und Bruno Kreisky „zwei große Persönlichkeiten der Sozialdemokratie“. Er würdigt „die staatspolitischen Leistungen Franz Vranitzkys“, schildert aber dann „die massive politische Entfremdung von ihren traditionellen Anhängern aus den armen, ungebildeten und gesellschaftlich risikoanfälligen Schichten“. Alfred Gusenbauer wurde „vom Revoluzzer zum Geschäftsmann“, später „erfolgreich als Lobbyist auch für üble Figuren in Aserbaidschan und Kasachstan“. Sein Nachfolger als Kanzler, Werner Faymann, ist ein „Verwalter des Niedergangs“, und der eigentliche Entdecker der „message control“, Nachfolger Christian Kern der „Verlierer der Kanzlerschaft, dessen gute Reden die fehlende Strategie und das gespaltene Team nicht ersetzen konnten“. Anmerkung: Der offensichtlich mimosenhafte Kern hat Lendvai danach vorgeworfen, „ein zweitrangiges intrigantes Stück geschrieben haben“, wie der Autor unlängst bei einer Buchpräsentation erzählt hat.

Über die „unsichere Zukunft Pamela Rendi-Wagners“ ist zu lesen: „Ohne die Klärung der Führung, ohne Einigkeit über die politische Richtung und ohne eine angemessene organisatorische Aufstellung kann diese traditionsreiche Partei in der Opposition nicht die staatspolitisch so wichtige Aufgabe richtig erfüllen.“ Lendvai nimmt auf die aktuelle Neutralitätsdebatte Bezug („eine Abkehr wäre für jede Regierung politischer Selbstmord“), geißelt die Kniefälle quer durch alle Parteien vor Russland, sowie den Kompetenzdschungel und den „Zuständigkeitswirrwarr als Folgen eines konservierten Föderalismus“. Absolut lesenswert, nicht nur für historisch Interessierte.

Wolfgang
Burtscher

wolfgang.burtscher@vn.at

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.

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