Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Frieren

Vorarlberg / 06.12.2022 • 17:37 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der feuchte Dunst findet den Weg in die Häuser. Die Kälte stiehlt sich herein, während sie schlafen, die Kälte ist stumm. Die Kälte ist unsichtbar und geruchlos. Sie haben alles angezogen, was sie an Kleidern besitzen, Unterwäsche, Pullover, Röcke, Hosen, Socken, drei Paar Socken, vier Paar Socken. Sie kriechen unter die feuchte Decke. Wie kann man sich warm machen. Frauen drängen sich in der Küche. Sie schalten die Herdplatte ein und halten ihre Hände darüber, eine Frau ihr Baby. Der Vermieter kommt, schimpft über ihre Verschwendung, mahnt zum Sparen und dreht die Herdplatte auf null.

Kinder schreien, sie haben Rotznasen und verfilze Haare, niemand kümmert sich um sie. Das Licht geht an. Das Licht geht aus. Es gibt noch Reste vom Rosinenkuchen. Sie streiten sich darum. Einer hat die Rosinen aus dem Kuchen gepickt. Der alte Mann beißt in eine Zwiebel. Es gibt im Keller Kartoffeln, die müssen weichgekocht werden. Von einer einzigen Kartoffel wird man nicht satt. Sie finden eine Flasche Wodka, und jeder bekommt einen Schluck. Die dicke Frau mit dem Turban überwacht alle. Kinder dürfen auch einen kleinen Schluck nehmen. Davon wird einem warm. Aber doch nicht von so wenig. Am liebsten würde sie die ganze Flasche austrinken. Draußen hat es zu schneien begonnen. Wenn man Schuhe anzieht, passen nur ein Paar Socken, sonst sind die Schuhe zu eng. Wenn es in den Schuhen zu eng wird, friert man noch mehr. Kinder finden Haferflocken und kauen sie roh. Sie trinken Wasser dazu. Katzen drücken sich an Hosenbeine. Die Gefleckte hat eine Maus gebracht. Hört das denn nie auf! Eine Frau sagt zu ihrer Nachbarin, wenn das alles vorbei ist, lasse ich mir die Haare schneiden. Ich kann das machen, wenn du eine Schere findest, sagt die Nachbarin, jetzt aber nicht, meine Hände sind steif von der Kälte. Ein Kind hat Bauchweh von den Haferflocken. Die Toilette ist verstopft. Wer räumt den Dreck weg. Der Vermieter ist fort, und so können sie kurz das Backrohr aufdrehen und sich davor hinsetzen. So wenig Platz! Geh weg, ruft die eine, ich war noch nicht dran. Sie hören Schritte. Schnell aus mit dem Backrohr.

Wer erfriert zuerst. Wenn morgen zur Mittagszeit die Sonne scheint, können sie sich an die Hauswand drängen. Ein wenig aufwärmen. Ich möchte so nicht mehr weiterleben, weint ein Mädchen, und ihr wird gesagt, sie soll die Klappe halten. Kinder husten. Eines hebt die schwarze Katze auf und drückt sie an seine Brust. Sie will nicht bleiben. Sie will sich mit der Gefleckten um die Maus streiten.

„Wenn morgen zur Mittagszeit die Sonne scheint, können sie sich an die Hauswand drängen. Ein wenig aufwärmen.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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