Glockengießerei weckte spezielle Erinnerungen

Vorarlberg / 06.12.2022 • 16:34 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Neben einer Führung durch das Glockenmuseum gab es auch einen Rundgang in den Produktionshallen. stp/2
Neben einer Führung durch das Glockenmuseum gab es auch einen Rundgang in den Produktionshallen. stp/2

Beim Ausflug drehte Severin Sigg die Zeit 75 Jahre zurück.

hörbranz „Hier sind wir vor 75 Jahren gestanden, als vier neue Glocken für die Hörbranzer Kirche gegossen wurden“, erinnert sich Altbürgermeister Severin Sigg bei einem Besuch in der Glockengießerei Grassmayr in Innsbruck an ein Jugenderlebnis, bei dem der heute 93-Jährige 1947 als Teenager dabei sein durfte.

Raiffeisen Bodensee-Leiblachtal hatte in Zusammenarbeit mit Hehle-Reisen zu einem Ausflug in die Tiroler Hauptstadt eingeladen. Auf dem Programm standen der Besuch des Weihnachtsmarktes und eine Führung durch Museum und Produktionshallen der Glockengießerei Grassmayr.

Wir wollten dabei sein

Die Fahrt nach Innsbruck kann man heute in einem bequemen Reisebus entspannt genießen, vor 75 Jahren war es noch ein kleines Abenteuer, aber für die Hörbranzerinnen und Hörbranzer, die bei Grassmayr neue Glocken für den Kirchturm der Pfarrkirche bestellt hatten, war es ein Anliegen, beim Guss der Glocken live dabei zu sein. Später wurden auch Glocken für das Kloster Gwiggen und die Kapellen der Gemeinde bei Grassmayer gegossen. Die kleine Glocke, die im Turm der Pfarrkirche den Krieg überdauert hatte, wurde ins Salvatorkolleg gebracht.

Hörbranz, so weiß Gemeindearchivar Willi Rupp, war die erste Vorarlberger Gemeinde, der es gelungen ist, nach dem Zweiten Weltkrieg neue Glocken anzuschaffen. Das Geläute der Hörbranzer Pfarrkirche umfasst fünf Glocken, vier davon mussten vor 80 Jahren zur Waffenproduktion abgeliefert werden. Die Rückkehr der Glocken in die Pfarrkirche Hörbranz, die Hörbranzer Kapellen sowie das Kloster Gwiggen zog sich über zweieinhalb Jahre hin. Die größte Glocke hatten Ende Jänner 1942 mutige Bürger der Zwangsablieferung entzogen. Sie wurde ebenso wie die großen Glocken aus Fußach und Langen bei Bregenz durch einen Trick „irgendwo“ in Bregenz versteckt. Bereits am 8. Mai 1945 – der Tag der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht – machten es die französischen Behörden möglich, dass die 2175 kg schwere „Kriegerglocke“ nach Hörbranz zurückgeholt werden konnte.

Bis zur Rückkehr der neu gegossenen vier Glocken dauerte es mehr als zwei Jahre – erst 1947 war es soweit. Und bis die Kapellen in den Parzellen Leiblach, Fronhofen und Giggelstein und das Kloster Gwiggen wieder Glocken bekamen, sollte es nochmals fast ein halbes Jahr dauern.

Emotionale Erinnerung

Für Altbürgermeister Severin Sigg war der Besuch in der traditionsreichen Glockengießerei eine Erinnerung voller Emotionen, für Reiseteilnehmerinnen und -teilnehmer, speziell die aus Hörbranz und Hohenweiler, ein interessantes Erlebnis mit starkem Bezug zu den Glocken in ihren Gotteshäusern. Seniorchefin Elisabeth Grassmayr wusste den Gästen bei der Führung im Museum und in den Werkhallen viel Interessantes über die Glocken und die Geschichte des ältesten handwerklichen Familienbetriebs Österreichs zu erzählen. In diesem 1599 gegründeten Handwerksbetrieb sind heute die 13., 14. und 15. Generation tätig. Rund 300 Kirchenglocken gießt die Firma Grassmayr pro Jahr, jede ein Unikat. Erst vor fünf Jahren wurde beispielsweise die größte freischwingende Glocke der Welt nach Bukarest geliefert. Knapp dreieinhalb Meter hoch und über 25 Tonnen schwer ist die Glocke für die orthodoxe Kathedrale „Catedrala Nationala“. Zum Vergleich: die weltberühmte Pummerin im Wiener Stephansdom ist mit rund 20 Tonnen deutlich „leichter“.

Stolz ist man bei Grassmayr nicht nur auf die lange Firmentradition, sondern auch darauf, dass im Innsbrucker Betrieb auch beschädigte Glocken repariert werden können. „Es gibt weltweit nur eine Handvoll Betriebe, die diese Technik beherrschen“, erzählt die Seniorchefin stolz.

Stichwort reparieren: Dazu gibt es eine köstliche Anekdote – als 1961 das Andreas-Hofer-Denkmal am Innsbrucker Bergisel durch einen Sprengstoffanschlag beschädigt wurde, wurde die ramponierte Statue in die Glockengießerei gebracht. Auf dem verwaisten Sockel hinterließ der Tiroler Freiheitsheld eine kurz und bündige Nachricht: „Bin beim Grassmayr“. STP

Für Severin Sigg war der Besuch eine Reise in die Vergangenheit.
Für Severin Sigg war der Besuch eine Reise in die Vergangenheit.

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