Anhaltende Übersterblichkeit im Land

Vorarlberg / 09.12.2022 • 20:06 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Gesundheitsexpertin Maria Magdalena Hofmarcher-Holzhacker.VH der Ärzte
Gesundheitsexpertin Maria Magdalena Hofmarcher-Holzhacker.VH der Ärzte

Österreichweites Phänomen: Expertin sieht Zusammenhang mit der Pandemie.

SCHWARZACH In Vorarlberg sind heuer bisher 145 Menschen mit Corona gestorben. Das sind deutlich weniger als 2021 (244) und 2020, dem ersten Jahr der Pandemie, als es sich mit 286 um fast doppelt so viele gehandelt hat. Umso bemerkenswerter ist, dass die Gesamtzahl der Sterbefälle nicht zurückgeht, sondern weiter steigt.

Vergleich zu Vor-Pandemie-Jahren

Es ist ein österreichweites Phänomen, das auch in Vorarlberg feststellbar ist: Vorläufigen Angaben der Statistik Austria zufolge gab es 2022 bis Ende November insgesamt 3104 Sterbefälle im Land. Das waren um 18 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum der Vor-Pandemie-Jahre 2015 bis 2019 durchschnittlich (2641), aber auch deutlich mehr als in den vergangenen beiden Jahren bis dahin (2818 bzw. 2867). Damals war es infolge von Infektionswellen im Spätherbst allerdings im Dezember noch zu extrem vielen Sterbefällen gekommen. Damit ist heuer nicht zu rechnen.

Rätselraten im Herbst

Wie ist die Entwicklung, die vor allem Ältere betrifft, erklärbar? Zu Jahresbeginn stand sie unter anderem in einem direkten Zusammenhang mit der Pandemie. Es gab so viele bestätigte Infektionen wie noch nie, und allein im Februar 34 Frauen und Männer, die laut staatlicher Gesundheitsagentur AGES mit einer solchen verschieden sind. Im Sommer wies Statistik Austria darauf hin, dass es zugleich mit außerordentlicher Hitze eine hohe Anzahl an Sterbefällen gab. Rückblickend schätzt die AGES jedoch, dass alles in allem nicht ungewöhnlich viele „hitze-assoziiert“ waren. Das Niveau dürfte etwa dem des vergangenen Jahres entsprochen haben. Im Herbst verstärkte sich das Rätselraten: Corona trägt weniger oft zum Tod bei. Im September war dies in Vorarlberg zwei, im Oktober acht Mal der Fall. Heiß war es in dieser Zeit auch nicht mehr. Es blieb jedoch bei deutlich mehr Sterbefällen als in der Vergangenheit.

Mortalität in der Pandemie

Die Gesundheitsexpertin Maria Magdalena Hofmarcher-Holzhacker forscht schon länger zum Thema Mortalität in der Pandemie. In einer Studie, die sie mit Kollegen erstellt und veröffentlicht hat, ist ihr aufgefallen, dass Österreich im internationalen Vergleich zunächst noch relativ gut gelegen ist bei der Sterblichkeit. „Schon 2021 haben wir uns jedoch verschlechtert“, so Hofmarcher-Holzhacker: „Das sollte zu denken geben, es sollte umfassend untersucht werden.“

Weniger Spitalsaufnahmen

Die OECD hat gerade bestätigt, dass die Gesundheitsversorgung neben Corona nur eingeschränkt weiterlief: Es gab weniger Vorsorge, aber auch weniger Spitalsaufnahmen. In Österreich zum Beispiel um zehn Prozent weniger wegen eines Herzinfarkts oder eines Schlaganfalls. „Wobei nicht anzunehmen ist, dass es auch entsprechend weniger Fälle gegeben hat“, wie Hofmarcher-Holzhacker betont: „Das kann dazu führen, dass bestimmte Leistungen, die notwendig gewesen wären, nicht in Anspruch genommen wurden. Dass sich der Gesundheitszustand dadurch verschlechtert hat und es vielleicht zum vorzeitigen Tod gekommen ist.“ Wenn man bedenke, wie viel zur Bekämpfung der Pandemie getan worden sei und dann die Entwicklung der Sterbefälle sehe, sei das jedenfalls „deprimierend“. JOH

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