Stand Bregenzerwald blieb am Ende „standhaft“

Vorarlberg / 09.12.2022 • 15:40 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Vor mehr als 40 Jahren war der Abriss des Bezauer Klosters fast besiegelt. Der Stand Bregenzerwald rettete die wichtige Einrichtung. stp/3
Vor mehr als 40 Jahren war der Abriss des Bezauer Klosters fast besiegelt. Der Stand Bregenzerwald rettete die wichtige Einrichtung. stp/3

Archivleiterin Katrin Netter referierte über Bezauer Kloster und was gewesen wäre, wenn …

Bezau Nach 45 Jahren hat der Stand Bregenzerwald mit Gerhard Steurer einen neuen Standesrepräsentanten erhalten und sein Vorgänger Ferdinand Kohler wurde – wie berichtet – im Rahmen einer Festveranstaltung zum Ehrenstandesrepräsentanten ernannt. Dieser festliche Abend war für Katrin Netter, Leiterin des Bregenzerwald Archivs, auch willkommene Gelegenheit, Geschichte(n) aus mehr als 600 Jahren „Wälderrepublik“ darzulegen und zu mutmaßen, was geworden wäre, wenn . . .

Nur symbolisch

Die „Wälderrepublik“, ist heute nur noch symbolisch vorhanden, denn der „Stand Bregenzerwald“ hat längst nicht mehr jene Bedeutung, die er bei seiner Gründung Ende des
14. Jahrhunderts hatte. Heute erinnern vor allem die Bezegg-Sul am Übergang von Andelsbuch nach Bezau (dort stand das berühmte Rathaus) und das zum Seminar- und Bildungszentrum erweiterte Kloster Bezau an die Blütezeit der Wälderrepublik.

Diese, so Netter, wurde Ende des 14. Jahrhunderts installiert. Um 1600 gab es im landesfürstlichen habsburgischen Vorarlberg 24 Gerichte – drei städtische (Bregenz, Feldkirch, Bludenz) und 21 ländliche (davon im Bregenzerwald Alberschwende, Lingenau, Sulzberg, Damüls und Innerbregenzerwald). Dem Gericht Innerbregenzerwald bzw. Stand Bregenzerwald gehörten und gehören heute noch zwölf Gemeinde an: Krumbach, Unterlangenegg (im Jahr 1923 mit Oberlangenegg zur Gemeinde Langenegg vereint), und die „Talgemeinden“ Egg, Andelsbuch, Bezau, Schwarzenberg, Bizau, Reuthe, Mellau, Schnepfau, Au und Schoppernau.

Höchste Befugnisse

Dieses Gericht hatte höchste Befugnisse – im Rathaus, dem Parlament der Bauernrepublik, wurde der Landsbrauch beschlossen, erneuert oder abgetan. Selbst Todesurteile durften verhängt werden und in der Gemeinde Egg gab es Hochgericht, Gefängnis und Richtstätte (Galgenbühel).

1806 wurden die ländlichen Gerichte durch die bayrische Herrschaft (1806 bis 1814) aufgehoben und nach dem Ende der Napoleonischen Kriege nicht mehr wiedererrichtet. Erhalten haben sich von den ursprünglich 24 Gerichten nur die Stände Montafon, Blumenegg und Bregenzerwald. Die Machtbefugnisse der Stände waren aber massiv eingeschränkt. Immerhin: Der Stand Bregenzerwald war „standhaft“ geblieben.

Große Krise vor knapp 50 Jahren

Die großen Veränderungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatten nicht nur die Befugnisse der Stände eingeschränkt, auch ihr Vermögen wurde massiv geschmälert. Dem Stand Bregenzerwald verblieben lediglich das Kloster und rund 15 Hektar Wald in mehreren Standesgemeinden. Das Gerichtsgebäude samt Grundstück in Bezau waren der Gemeinde geschenkt worden.

1976 jagte eine Hiobsbotschaft die nächste. Standesrepräsentant Josef Fink stellte sein Amt aus gesundheitlichen Gründen zur Verfügung, die Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich sehr schwierig. Wenig später teilte die Nordtiroler Kapuzinerprovinz mit, dass die Personalsituation derart gravierend sei, dass das Kloster Bezau aufgelassen werden müsse.

In einem Gedankenspiel schilderte Netter die Variante Auflösung des Standes und Aufteilung der finanziellen Mittel unter den zwölf Gemeinden. Zum Glück wurde diese Variante nicht schlagend und Netter konnte die reale Entwicklung zum Erhalt des Standes skizzieren. „Vielleicht hätte ein anderer Standesrepräsentant als Ferdinand Kohler Ähnliches erreicht und einen neuen Orden zur Wiederbesiedlung des Kapuzinerklosters gefunden. Vielleicht aber auch nicht“, stellt sie in den Raum und strich die Beharrlichkeit des Standesrepräsentanten heraus, die am Ende zum Weiterbestand des Klosters und zum zukunftsfähigen Modell mit Ergänzung durch das Bildungshaus, das dessen Leiterin Simone Hatheier (Tochter des langjährigen Chefs Norbert Schneider) treffend beschreibt: „Wir, das Bildungshaus ,Im Kloster Bezau‘, sind ein Teil eines ehemaligen Klosters, das 1980 zu einer Art Herberge umgebaut wurde. Inzwischen sind wir zu einem renommierten Seminar- und Gästehaus gewachsen. Firmen, Chöre, Gruppen, Familien und natürlich auch Alleinreisende heißen wir jedes Jahr herzlich willkommen.“

Wichtig für die Seelsorge

Inzwischen geht es nicht nur um die personelle Besetzung des Klosters, die Franziskaner, die im Kloster tätig sind, haben längst auch wichtige Aufgaben in der Seelsorge mehrerer Pfarreien der Region und darüber hinaus übernommen. 2012 wurde das Engagement der Franziskaner in Bezau langfristig fixiert: Der Vertrag zwischen Kloster und den Franziskanern der Provinz Kattowitz war 1979 auf 33 Jahre befristet und wurde vor zehn Jahren unbefristet verlängert. Auch hier konnte der nunmehrige Ehrenstandesrepräsentant Ferdinand Kohler als beharrlicher Verhandler wieder einen Markstein setzen. stp

Katrin Netter ging auf das Kloster und den Stand Bregenzerwald ein.
Katrin Netter ging auf das Kloster und den Stand Bregenzerwald ein.
Wesentlich zur Rettung des Klosters trug auch der langjährige Bildungshausleiter Norbert Schneider bei.
Wesentlich zur Rettung des Klosters trug auch der langjährige Bildungshausleiter Norbert Schneider bei.

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