Anna Bentele: “Ich kannte Mama nur weinend”

Vorarlberg / 09.12.2022 • 07:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Anna (links) mit ihren Eltern und ihren Geschwistern.
Anna (links) mit ihren Eltern und ihren Geschwistern.

Verschleppt und vergewaltigt: Das harte Schicksal einer Zwangsarbeiterin: Anna Bentele (73) erinnert sich an ihre Mutter Anastasia.

Dornbirn Das schwere Los der Mutter löste in Anna Bentele (73) schon früh tiefes Mitgefühl aus. „Ich kannte Mama nur weinend.“ Als Anna noch klein war, wusste sie nicht, warum ihre Mutter so oft weinte. Aber ihre Tränen trafen sie schwer. „Dass es Mama nicht gut ging, war das Schlimmste für mich.“

Später, als Anna älter war, vertraute sich die Mutter ihr an. „Ich war ihre Vertrauensperson.“ Das Leid der Mutter, so erfuhr Anna nach und nach, hatte vorrangig mit ihrer dramatischen Vergangenheit zu tun. Annas Mama Anastasia wurde 1924 in Ostgalizien geboren, das im Jahr 1919 polnisch geworden war. Ihre Eltern waren Bauern. „Mama musste oft auf dem Feld helfen.“

Niedlich: Anna als kleines Mädchen.
Niedlich: Anna als kleines Mädchen.

Der Zweite Weltkrieg hatte schreckliche Auswirkungen auf das Leben der Bauerntochter. „1944 erfuhr Anastasias Familie, dass Hitler Frauen aus der Gegend holen ließ, um sie als Arbeitskräfte in Deutschland und Österreich einzusetzen. Daraufhin versteckte sich meine Mutter drei Wochen lang im Wald. Als sie wieder heimkam, holte die Gestapo sie in der Nacht und deportierte sie mit anderen Frauen nach Wien. Im Lager mussten sich die verschleppten Frauen nackt ausziehen. Dann wurden sie vergewaltigt“, erzählt Anna, wie ihre Mutter zum Kriegsopfer wurde.

Anastasias Leidensweg war aber noch lange nicht zu Ende. „Man brachte meine Mutter mit anderen deportierten Frauen nach Bregenz. Dort konnten sich die Bäuerinnen eine Frau aussuchen und sie als Arbeitskraft mit nach Hause nehmen.“ Eine Landwirtin aus Hittisau wählte Anastasia aus. So kam es, dass Annas Mutter in den Bregenzerwald kam. „Mama musste wie ein Mann arbeiten. Sie versorgte das Vieh allein.“ Aber das Schlimmste für die ukrainisch sprechende Zwangsarbeiterin war nicht die körperlich schwere Arbeit, sondern das Heimweh. „Mama vermisste ihre Familie und ihre Heimat.“ Allein ihr tiefer Glaube linderte ihre Not. „Mama ging jede freie Minute in die Kapelle und betete zur Muttergottes. Das war ihr einziger Trost.“ Auch als nach einem Sturz über eine Stiege das Kind aus der Vergewaltigung abging, flüchtete sich Anastasia ins Gebet.

Die siebenfache Mutter war überfordert

Nach dem Krieg lernte sie bei einer Firstfeier Paul Bentele kennen, einen Bauern aus Hittisau, der auch Musiker und Sänger war und viele Menschen mit seiner Musik berührte. Das war der Auftakt zu einer Verbindung, die ein Leben lang hielt. Die ehemalige Zwangsarbeiterin heiratete den Landwirt und gründete mit ihm eine große Familie. Anastasia brachte sieben Kinder zur Welt. „Die Ehe meiner Eltern war nicht gut. Papa war jähzornig und Mama klammernd. Einmal wollte meine Mutter ihn verlassen. Sie verließ mit uns Kindern das Haus. Wir wateten durch den Schnee. Nach ein paar Metern kehrte sie um.“

Anna mit ihrer Mutter bei der Erstkommunion.
Anna mit ihrer Mutter bei der Erstkommunion.

Heute ist Anna klar: „Mama war mit so vielen Kindern überfordert.“ Außerdem quälte sie das Heimweh. „Mama konnte nicht mehr zurück in ihre Heimat. Dort hätte ihr der Tod oder das Arbeitslager gedroht. Sie hat ihre Eltern und Geschwister nie mehr gesehen.“ Über Anastasias Seele legte sich ein grauer Schleier. „Sie war depressiv, lag oft im Bett. Mama musste sich zwingen, den Haushalt zu führen.“ Anna, die älteste Tochter, nahm ihrer kranken Mutter viel Arbeit ab. „Ich wickelte meine kleinen Geschwister und gab ihnen die Flasche.“

Anna erbte das musikalische Talent ihres Vaters. In ihrer Jugend musizierte sie auf Veranstaltungen.
Anna erbte das musikalische Talent ihres Vaters. In ihrer Jugend musizierte sie auf Veranstaltungen.

In der Schule fühlte sich Anna wohler als zu Hause. „Da war ich weg vom Elend. Ich lernte auch gern“, erzählt sie.  Aber der Schulweg war ein Spießrutenlauf. „Mitschüler verfolgten und schlugen mich. Manchmal entkam ich. Ich flüchtete in die Kirche oder in ein Geschäft.“ Anna wusste damals nicht, warum sie zum Prügelopfer wurde. Erst viele Jahre später erfuhr sie von einer ehemaligen Schulkollegin den Grund. „Was haben wir euch geplagt, bloß weil eure Mutter nicht gut Deutsch konnte. Ihr seid für uns minderwertige Leute gewesen“, gibt die 73-Jährige die Worte der einstigen Mitschülerin wieder.

Heute unterhält Anna mit ihrer Musik und ihrem Gesang Bewohner von Altersheimen.
Heute unterhält Anna mit ihrer Musik und ihrem Gesang Bewohner von Altersheimen.

Das Gefühl der Minderwertigkeit begleitete Anna über Jahre. Das lag auch daran, dass sie in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. „Am Heiligen Abend gab es bei uns immer Bratwürste. Wir hatten nie so viele, dass es auch für Mama reichte“, zeigt sie an einem Beispiel auf, dass ihre Familie immer knapp bei Kasse war. Trotzdem: Der Vater schaffte es, seiner ältesten Tochter, die sein musikalisches Talent geerbt hat, ein gewisses Selbstbewusstsein einzuflößen. „Papa stärkte mich. Er sagte zu mir: ,Die reichen Bauern meinen, dass wir minderwertig sind. Aber musizieren wie wir können sie nicht.‘“

Eigentlich wäre Anna gerne Lehrerin geworden. „Aber Papa bestand darauf, dass ich arbeiten gehe und Geld heimbringe.“ 14-jährig begann sie als Haushaltshilfe in Dornbirn zu arbeiten. In der Stadt blühte Anna auf. Dort wusste man nicht, dass sie einer Familie angehört, die verrufen ist, weil die Mutter keine Hiesige ist. Anna schloss sich der Katholischen Arbeiterjugend an und war dort schnell der „King“. Denn: „Ich konnte Gitarre spielen und singen.“ Den Großteil ihres Lohnes übergab sie der Familie. Anna unterstützte ihre Eltern gerne. „Ich war glücklich, wenn ich das Geld abgab. Sie taten mir leid.“ Der Teenager sparte bei sich selbst. „Es gab kein Kino und kein Bravo-Heft.“

Anastasia Bentele mit ihrer Tochter Maria. Diese wanderte nach Kanada aus. Die Mutter besuchte sie dort einige Male.
Anastasia Bentele mit ihrer Tochter Maria. Diese wanderte nach Kanada aus. Die Mutter besuchte sie dort einige Male.

Anna arbeitete zunächst in verschiedenen Haushalten und absolvierte dann eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau. Mit 21 heiratete sie. Der Ehe entsprangen zwei Söhne. Diese waren noch klein, als sie sich scheiden ließ. Anna zog sie unter Entbehrungen allein groß. Heute ist die Kleinstrentnerin dreifache Großmutter. „Ich bin glücklich. Ich lebe nicht für mich. Ich bin am liebsten für andere da.“ Je älter Anna wurde, umso besser ging es ihr. Dieses Glück war ihrer Mutter nicht vergönnt. Anastasia entwickelte im Alter einen Verfolgungswahn. „Morgen bin ich nicht mehr da. Die Gendarmen kommen mich holen“, hörte Anna ihre alte, demente Mutter oft sagen. Im Jahr 2012 verstarb Anastasia 88-jährig an einer Lungenentzündung. „Kurz vor ihrem Tod sang ich ihr noch Marienlieder vor. Mama schlief friedlich ein“, erzählt Anna, der die Mutter ein Leben lang leidgetan hat.     

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.