„Es ist nirgendwo sicher“

Vorarlberg / 14.12.2022 • 18:12 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Eugenia Baranova kommt ursprünglich aus Kiew.
Eugenia Baranova kommt ursprünglich aus Kiew.

Eugenia Baranova lebt schon lange in Vorarlberg. Sie schildert die Lage in der Ukraine.

RANKWEIL Seit neun Monaten tobt der Krieg in der Ukraine mittlerweile. Die Menschen vor Ort, aber auch die Geflüchteten stehen immer noch vor einigen Herausforderungen. Das kennt Eugenia Baranova besonders gut. Sie ist gebürtige Ukrainerin aus Kiew. Geboren wurde sie in Donezk. Inzwischen lebt Baranova seit 15 Jahren in Vorarlberg. Doch einige ihrer Verwandten und Freunde wohnen immer noch in der Ukraine. Den VN erzählt sie, wie es den Menschen dort geht.

 

Wie war es für Sie, als der Krieg am 24. Februar ausgebrochen ist?

Baranova Für mich hat es nicht im Februar angefangen. Ich habe die Nachrichten aus der Ukraine im Herbst verfolgt und im Dezember wurde mir bewusst, dass es einen Krieg geben wird. Wir wussten schon seit Längerem, dass sich die russische Armee in der Nähe von Charkiw versammelt hat, jedoch hatten wir mit dem Angriff erst im März gerechnet. Schon im Jänner habe ich meiner Familie und Freunden geraten, dass sie besser hierherkommen sollten, vor allem meine Mutter. Sie hat aber gesagt, auch wenn der Krieg ausbricht, bleibt sie dort. Hätte ich nicht drei Kinder, würde ich wahrscheinlich auch an die Front gehen.

 

Was war Ihr erster Gedanke, als es passiert ist?

Baranova Ich habe sofort daran gedacht, wie ich die Leute da herausholen kann. Die Frage war nur, wie. In Kiew leben fünf Millionen Menschen. Wenn alle gleichzeitig die Stadt verlassen würden, kann es gefährlich werden. Es gab große Staus und noch dazu wurde bombardiert, also war die Gefahr da. Viele wollten auch in den ersten zwei Wochen nicht raus, sondern Widerstand leisten.

 

Wie konnten die Menschen evakuiert werden?

Baranova Als wir die Möglichkeit dazu hatten, die Leute aus Kiew herauszuholen, war dann die Frage, mit dem Zug oder Auto. Das war keine einfache Entscheidung. Wenn man mit dem Auto fährt, kann es sein, dass eine Bombe einschlägt oder jemand bewaffnet auf der Straße steht. Mit dem Zug kannst du fahren, hast dann aber keine Option mehr und musst hoffen, dass es gut läuft. Dadurch, dass es auch jetzt Angriffe auf die zivile Infrastruktur gibt, weiß man, dass es nirgendwo sicher ist.

 

Wie geht es Ihren Verwandten und Freunden in der Ukraine?

Baranova Die Situation ist immer noch grausam. Eine Freundin von mir wohnt in einem Vorort von Kiew, Vasilkov. Dort gibt es einen Armeeflughafen – der Ort wurde stark bombardiert und die Leute konnten nicht raus. Dort wohnt auch meine Mutter. Ich wusste, wenn die Russen da durchkommen, sind sie bei ihnen. Ich halte also stets Kontakt mit ihnen, um sicherzugehen, dass sie halbwegs in Sicherheit sind. Meine Freundin hatte also keine Wahl. Sie und ihr Mann haben die Kinder trainiert, wie man richtig auf den Boden fällt und den Kopf dabei schützt. Sie hat mir ein Video davon geschickt. Die meisten haben mich unter Tränen angerufen und mir erzählt, dass sie im Gang zwischen den Räumen schlafen.

 

Konnten Sie Menschen hierherholen?

Baranova Ja, ich habe einige Verwandte und Freunde hierher geholt. Einige sind mit dem Zug gekommen, der drei Tage lang gefahren ist. Die Leute sind teilweise gestanden und durften ihre Handys nicht benutzen. Zum Essen und Trinken gab es wenig, aber es war trotzdem ein Privileg, mitfahren zu dürfen.

 

Helfen Sie geflüchteten Ukrainerinnen hier?

Baranova Ich habe durch Bekannte Oliver Natter kennengelernt und wir haben den Verein „Vorarlberg hilft der Ukraine“ gegründet. Insgesamt sind wir fünf Ukrainer und zwei Vorarlberger. Wir suchen Unterkünfte für die geflüchteten Ukrainerinnen, zeigen ihnen, wo sie sich entsprechende Hilfe holen können, besorgen ihnen Möbel, Bettwäsche, Kleidung und unterstützen sie finanziell. Im Sommer war ich unterwegs und habe Kinder aus der Ukraine in Schulen und Kindergärten angemeldet.

 

Was sind jetzt die größten Sorgen der Geflüchteten?

Baranova Sie machen sich Sorgen um ihre Verwandten, die drüben geblieben sind. Vor allem jetzt, wo der Winter kommt. Beim Verein sammeln wir deswegen Kleidung, einfache Nahrungsmittel, Zelte, Decken und Powerbanks, die wir ihnen schicken können. Aber am wichtigsten sind die Generatoren. Die fehlende Elektrizität betrifft alle. In zwei Wochen fährt der erste Lastwagen vollgeladen mit Generatoren, die für die Familien gedacht sind. VN-PEM

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