Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Politikverdrossenheit

Vorarlberg / 14.12.2022 • 21:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Dieser Tage wurde in mehreren Medien einmal mehr die wenig überraschende Meldung verbreitet, in Österreich habe die Politikverdrossenheit zugenommen. Für den nüchternen Beobachter ist dabei nicht zu übersehen, dass gerade jene politischen Meinungsbildner, die durch destruktive Dauerkritik einen erheblichen Beitrag zu dieser Negativstimmung beitragen, nun im „Erfolg“ ihrer Bemühungen den nächsten Skandal sehen. Die Schuldigen sind sofort gefunden, es sind – erraten – die Politiker selbst.

Nun gibt die Politik tatsächlich reichlich Anlass zur Kritik. Aufzeigen von Problemen, Kontrolle durch Transparenz und Diskussion von Verbesserungsmöglichkeiten sind notwendig und Ausdruck politischen Interesses. Auch harte Diskussionen können produktiv, auch konstruktive Kritiken sehr wertschätzend sein. Wenn aber in den Politdiskussionen, vom Stammtisch bis ins Parlament reichend, das Politikerbild eines Haufens abgehobener, machtbesessener, geldgieriger, korrupter, säumiger, prinzipiell falsch entscheidender und übelwollender Gestalten gezeichnet wird, fördert dies eine resignative gesellschaftliche Stimmung, untergräbt alle Motivation und führt zur Verdrossenheit. Diese bezieht sich weniger auf die Politik an sich als vielmehr auf ausschließlich destruktive Kritik und vorexerzierten Dauerstreit, auf permanente Überflutung mit Bad News – und die Gehässigkeit. Vor allem aber wird sie für die Politik eine „Negativauslese“ bedingen. Denn welcher vernünftig denkende und wohlmeinend fühlende Mensch, welcher ambitionierte Mitbürger, welcher idealistische Jugendliche wird sich das noch antun? Wahrscheinlich nicht die klügsten Köpfe, die wir gerade in der Politik so notwendig bräuchten. Und dann beißt sich die Katze selbst in den Schwanz: Es gibt noch mehr zu kritisieren und die Mieselsüchtigen kommen wieder auf ihre Rechnung.

In der Zeit der Besinnung könnten vielleicht alle, die in der Politik engagiert sind oder diese kommentieren, einmal darüber reflektieren, ob Beschämen anderer nicht viel bequemer ist als kreatives Ersinnen eigener Lösungsvorschläge und konstruktive Kritik nicht viel motivierender wäre als destruktive. Hat reflexhaft Entwertung anderer nicht mit mangelndem Selbstwert zu tun? Wie könnte ein Wettstreit der Ideen anstelle der Besserwisserei treten?

Zu Weihnachten, dem Fest der Liebe, können wir uns wünschen, dass die Empathie, von deren Rettung das Überleben der Menschheit abhängt, auch in der Politik einen festen Platz bekommt.

„Auch harte Diskussionen können produktiv, auch konstruktive Kritiken sehr wertschätzend sein.“

Reinhard Haller

reinhard.haller@vn.at

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.

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