Die Liebe hört niemals auf

Vorarlberg / 16.12.2022 • 18:15 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das ist das größte Geheimnis, dass wir jemanden haben, der zu uns steht, egal, wie scheiße es uns geht“, sagt Corinna Peter. TM (3)
Das ist das größte Geheimnis, dass wir jemanden haben, der zu uns steht, egal, wie scheiße es uns geht“, sagt Corinna Peter. TM (3)

Sie ist „zugleich das schönste und das schlimmste Gefühl überhaupt“.

Ludesch Das Beste kommt zum Schluss. Das dachte sich Corinna Peter wohl auch und stibitzte sich die „Liebe“ aus den vier Themen des Advent. Die 30-Jährige Grafikerin aus Sulz arbeitet in der Kommunikation. Das sind gewiefte Charaktere. Aber jetzt legt sie dennoch die Stirn in Falten. Reden wir also über die Liebe. Du meine Güte!

Hebräische Poesie

Die Theologie gibt den Takt vor. Im Alten Testament steht ein wundervoller Text über die Liebe, das „Hohelied“. Die „taubenäugige“ Schulammit und König Salomon besingen einander mit Versen wie „Mein Liebster ist mein, und ich bin sein/ dessen, der in den Lilien weidet/ bis der Tag verweht/ und die Schatten geflüchtet.“ Paulus legt im Neuen Testament noch eine Variante des „Hohelied“ vor, das vor allem bei Hochzeiten so gerne gelesen wird: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.“

Die ganze Bibel ist in den Augen von Cornelia „zum Großteil eine einzige Liebesgeschichte, sie zeugt von der Liebe Gottes zu den Menschen“. Was das für sie bedeutet, drückt sie in modernen Worten aus: „Das ist das größte Geheimnis, dass wir jemanden haben, der zu uns steht, egal, wie schlecht es uns geht.“ Aber gibt es das denn, vorbehaltlose Liebe, die nichts erwartet?

Alles für den anderen

Dem evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der seinen Widerstand gegen die Nazis am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg mit dem Leben bezahlt hat, wird der Satz zugeschrieben: „Die Liebe will nichts von dem anderen, sie will alles für den anderen.“ Und wenn man in alten Kirchen wie St. Martin in Ludesch steht, findet man tatsächlich nur Abbilder dieser selbstlosen höchsten Form der Liebe: Die Mutter mit dem Kind. Mal reicht sie ihm Weintrauben, mal einen Granatapfel. Man muss schon die Augen erheben zur romanischen Kreuzigungsgruppe, um sich daran zu erinnern, wie bitter diese Liebesgeschichte vorläufig endet.

Aber Liebe hat viele Seiten. „Sie ist eines der stärksten Gefühle, zugleich das schönste und das schlimmste überhaupt“, sagt Corinna Peter. Da steht die erfüllte Liebe der unerfüllten gegenüber. Wenn das Gegenüber sie nicht erwidert oder wenn ein Partner aus dem Leben gerissen wird – Liebe kann auch wahnsinnig wehtun. „Ich war zum Glück noch nie in der Situation“, erzählt Corinna. Dass enttäuschte Menschen dann doch wieder zur Liebe finden, liege wohl daran, „dass wir dazu neigen, das Schlechte eher zu vergessen“. Wie der Geburtsschmerz, den eine gnädige Natur rasch aus der Erinnerung tilgt.

Wollte Corinna Peter die Liebe malen, dächte sie an den „Kuss“, den Gustav Klimt um 1907 auf die Leinwand gebannt hat. Ein eng umschlungenes Paar steht in einer üppigen Blumenwiese an einem Abhang, umhüllt von reich verzierten Roben. Blumenranken und geometrische Muster fließen ineinander, „einfach schön“. Dabei bedarf Liebe auch einer Anstrengung. „Man muss sich schon auf die Füße stellen. Sie ist etwas, an dem man arbeiten muss.“ Dann aber verzeiht sie viel und ist langmütig. So wie Paulus das geschrieben hat: „Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.“ TM

Die Liebe hört niemals auf
In den Kirchen finden wir die Liebe fast immer in der Beziehung von Mutter und Kind dargestellt, also in ihrer selbstlosen Form.
In den Kirchen finden wir die Liebe fast immer in der Beziehung von Mutter und Kind dargestellt, also in ihrer selbstlosen Form.

Lieben und geliebt werden

Eine der ältesten, schönsten und eigentümlichen Kirchen Vorarlbergs erzählt heuer Geschichten zum Advent: Auf einer Anhöhe in Ludesch blickt St. Martin über den Walgau. Schon im neunten Jahrhundert stand hier ein Gotteshaus. Die heutige Kirche datiert aus dem 15. Jahrhundert. Die Kanzel gibt die vier Themen vor für die kommenden vier Adventssonntage: Die drei Kardinaltugenden Glaube, Liebe und Hoffnung und die Geduld. Von der Liebe soll heute am Ende der Serie die Rede sein.

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