Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Grüß Gott

Vorarlberg / 18.12.2022 • 18:08 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Grüß Gott in Vorarlberg“. Seit dem 2. Mai 1988 ist das um 19.00 Uhr eine Selbstverständlichkeit. Von mir beim Start von „Vorarlberg heute“ eingeführt mit der Botschaft: Das ist eine Sendung, in der nicht nur Großkopferte zu Wort kommen, sondern Menschen wie du und ich. Heute kann ich es ja zugeben: Die Idee war geklaut. Der damalige Generalintendant Teddy Podgorski hat von den Landesstudios laufend Probesendungen verlangt („Pilots“), die dann den anderen vorgeführt wurden, damit jeder von den anderen lernen konnte. Der Linzer Landesintendant Hannes Leopoldseder begann seine Pilots mit „Griaß eich in Oberösterreich“. Wir machten daraus das „Grüß Gott“. Ursprünglich nur für die ersten Wochen geplant, aber für das Publikum bald nicht mehr wegzudenken. Es ist zur Redewendung und zum Sprichwort geworden, aber auch zum Titelgeber fürs Kabarett.

Politverdrossenheit

Diese Einleitung ist notwendig, damit man versteht, warum mich eine Szene im ÖVP-Korruptions-Ausschuss geärgert hat. Ein niederösterreichischer ÖVP-Politiker, Bernhard Ebner, betritt den Saal und sagt: „Grüß Gott!“ „In Wien heißt das Guten Tag“, belehrt ihn darauf der SPÖ-Fraktionsführer im Ausschuss, Kai Jan Krainer. Nun könnte man das als eine der überflüssigen flapsigen Wortmeldungen abtun, wenn sie nicht aufzeigte, wie vergiftet das politische Klima ist. Schon wegen einer Grußformel gerät man sich in die Haare. Genau solche Geplänkel führen auch zur immer weiter fortschreitenden Politik-Verdrossenheit. Der Herr Abgeordnete kennt offenbar seine Wähler nicht und weiß nicht, wie sie wirklich grüßen. Laut aktueller Kurier-OGM-Umfrage (882 Befragte) zu 72 Prozent mit „Grüß Gott“, es folgt „Hallo“ mit 41 und „Guten Tag“ mit 25 Prozent. Mehr Gespür als sein Parteifreund hatte der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig, der die ORF-Pressestunde ostentativ mit „Grüß Gott“ eröffnete. Mir ist nicht bekannt, ob Herr Krainer Atheist ist, also nicht an Gott glaubt, oder Agnostiker, der sich nicht sicher ist, ob es einen Gott gibt. Bruno Kreisky hat sich als solchen bezeichnet und übrigens einen respektvolleren Umgang gegenüber einer Religion an den Tag gelegt als Herr Krainer, dessen Wortmeldung zumindest von Intoleranz gegenüber christlichen Religionen zeugt. Und von Nichtwissen über die Bedeutung von „Grüß Gott.“

Populäre Begrüßungsformel

Es ist eben nicht so wie im alten Witz. Begegnen sich zwei Wanderer, sagt der eine „Grüß Gott“. Sagt der andere: „Mache ich, wenn ich ihn sehe“. Es ist gerade umgekehrt und meint: „Gott soll dich grüßen!“ Ursprünglich hieß es: „Möge dir Gott freundlich begegnen“. Daraus wurde die Verkürzung „Grüße dich Gott“. Der Gruß ist die häufigste Begrüßungsformel in Teilen Süddeutschlands, Österreichs und Südtirols. Mit Variationen wie „Griaß di“. Höchst populär ist das „Grüß euch Gott, alle miteinander, Weiber oder Mander“, aus der Operette „Der Vogelhändler“. Eng verwandt ist das schweizerische Grüezi. Was sagen die Spanier und Südamerikaner gern? Adiós! Also: Zu Gott! Dasselbe meinen die Franzosen mit ihrem Adieu, verkürzt auch im süddeutschen Sprachraum gebräuchlich: Ade!

Nachdenken täte gut

Also, Herr Krainer, lassen Sie uns das „Grüß Gott“ und wir Ihnen das „Guten Tag“, auch wenn Sie damit hoffnungslos in der Minderheit sind. Aber was lernen wir daraus? Etwas Nachdenken täte auch im politischen Alltagsgeschäft gut, etwas Bildung auch und vor allem Toleranz. Auch gegenüber Menschen, die eine andere Weltanschauung haben. Herrn Krainer empfehle ich als Weihnachtslektüre die Ringparabel aus Lessings „Nathan, der Weise“. Vor gut 250 Jahren geschrieben als beklemmende Botschaft für religiöse Toleranz.

Wolfgang
Burtscher

wolfgang.burtscher@vn.at

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.

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