Im Schwitzkasten eines falschen Polizisten

Vorarlberg / 19.12.2022 • 21:57 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Angeklagte verwies die Vorwürfe ins Reich der Lügen.vn/gs
Der Angeklagte verwies die Vorwürfe ins Reich der Lügen.vn/gs

Pole wegen dreister Amtsanmaßung und Nötigung verurteilt.

Feldkirch Der 26-jährige Angeklagte erscheint mit der Bibel in der Hand am Landesgericht Feldkirch und stöbert noch etwas in der Heiligen Schrift, ehe er zur Verhandlung aufgerufen wird. Auf die formale Frage von Richter Christoph Stadler, wovon er denn lebe, antwortet er: „Vom Gitarrespielen.“

„Also arbeitslos“, erwidert der Richter, ehe es zur Sache geht.

Von der Vespa gerissen

Dem Mann werden die Vergehen der Amtsanmaßung und Nötigung zur Last gelegt. Demnach soll der Beschuldigte, der seinen eigenen Angaben zufolge eine russische und polnische Doppelstaatsbürgerschaft besitzt, doch über keinerlei Ausweisdokumente verfügt, im Mai dieses Jahres Folgendes verbrochen haben: Erstens habe er einen 18-jährigen Vorarlberger in Feldkirch von seinem Vespa-Roller gezerrt und in den Schwitzkasten genommen. Zweitens habe er sich dem jungen Mann vorher als Beamter der Kriminalpolizei zu erkennen gegeben.

Zu erkennen gegeben? Ein gleichaltriger Freund des VespaFahrers und damals unmittelbarer Zeuge, schildert das Geschehen vor Gericht etwas anders: „Er hat uns einen vergilbten Fresszettel als Dienstausweis vorgehalten, quasi als Beweis.“

Der Angeklagte schwört zwar nicht auf seine mitgebrachte Bibel, doch beteuert inständig: „Ich brauchte damals ein Taxi. Da war ein Taxistand. Und ich habe ‚Polizei‘ gerufen, um auf mich aufmerksam zu machen. Das war schon alles.“

Fahrräder angestarrt

Auch das mit dem Schwitzkasten sei ein Hirngespinst. „Ich habe den Vespa-Fahrer nur angehalten, und zwar von vorne. Denn der Junge hat vorher verdächtig lang abgestellte Fahrräder angestarrt. Deshalb ging ich davon aus, dass er eines stehlen wollte! Das weiß ich! Denn wissen Sie, mir selbst wurden auch schon Fahrräder gestohlen, und zwar sieben an der Zahl, nicht nur eins“, schmettert er dem Richter entgegen.

Völlig abstrus sei auch der Vorwurf mit der Amtsanmaßung und dem Dienstausweis. „Wie gesagt, ich habe schon lange keine Ausweise mehr. Außerdem wollte ich als Bürger nur dem Staat helfen. Aber für Sie bin ich doch nur ein Kanacke. Doch von nun an werde ich dem Staat niemals mehr helfen, nie mehr!“

Deftige Strafe

Der Pole wird im Sinne der Anklage verurteilt. Die Strafe hat es in sich: Sechs Monate unbedingter Freiheitsentzug.

Nun hat der bereits sechsfach vorbestrafte Mann von einer früheren, nicht lange zurückliegenden Verurteilung auch noch eine Haftstrafe von vier Monaten auf Bewährung offen. Diese wird vom Richter widerrufen. Das heißt, der Verurteilte muss nun auch diese Haftstrafe zusätzlich abbüßen.

„Wann kann ich mich beim Knast melden?“, fragt der 26-Jährige, obwohl er mit dem Urteil nicht einverstanden ist, denn: „Ich gehe jetzt zum Caritas-Café und bespreche das dort. Dann reden wir weiter.“ Der Richter versteht das als Berufung gegen das Urteil und notiert es entsprechend. vn-gs

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