Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Der, die, das

Vorarlberg / 20.12.2022 • 17:39 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der Sprachleitfaden der Kärntner Landesregierung hat es in ganz Österreich zu ungewollter Prominenz geschafft. Die Kritik war derart laut und polemisch, dass Landeshauptmann Peter Kaiser bereits nach einem Tag die Vorschläge zur gendergerechten Sprache für den internen Gebrauch zurückzog. Zweieinhalb Monate vor der Wahl ist derartiger Wirbel nicht erwünscht. Nun wartet Kärnten auf eine österreichweite Lösung. Oder auf den Tag nach der Wahl und die Gelegenheit, die Sichtbarmachung von Frauen durch Sprache weniger wahlkampfbedingt aggressiv zu diskutieren.

Gerne spielen Gegner des Genderns unterschiedliche Maßnahmen zur Gleichstellung gegeneinander aus. Nach dem Motto: Gibt es denn keine wichtigeren Probleme? Da kommt der neue Einkommensbericht des Rechnungshofes gerade recht. Der Befund ist eindeutig: Frauen in allen Berufsgruppen und auf allen Bildungsniveaus verdienen weniger. So werden weibliche Angestellte jährlich im Schnitt mit 26.953 Euro brutto entlohnt, die Männer hingegen mit 49.642 Euro. Selbst wenn Frauen eine Universität abschließen, verdienen sie mit 54.140 Euro wesentlich weniger als ihre männlichen Kollegen mit 72.002 Euro. Das beliebte Argument, dass Frauen eben häufiger Teilzeit und damit weniger arbeiten, ist doppelt infam. Frauen übernehmen den größten Teil der unbezahlten Arbeit und daher bleibt ihnen am Ende weniger Freizeit. Essen, Wohnen und Energie sind trotzdem gleich teuer. In Vorarlberg schneiden Frauen übrigens selbst im Vollzeit-Vergleich zu Männern am schlechtesten ab. Ein fragwürdiger Spitzenplatz.

Was nützt gendergerechte Sprache gegen diesen Gender Pay Gap? Die Antwort lautet: einiges. Weil das Achten auf Worte und Sprachwendungen entweder auf ein geändertes Rollenbild in der Gesellschaft hinweist oder dazu führen kann.

Ein anderes populäres Gegenargument ist genau jene Tradition, deren patriarchale Prägung es zu überwinden gilt: Frauen sollen sich bei männlichen Bezeichnungen mitgemeint fühlen. In Wahrheit wurden sie von Männern oft nicht mitgedacht. Weder bei der Verkündung der Menschenrechte 1789 in Frankreich noch bei der Einführung des allgemeinen Wahlrechts 1907 in Österreich. Und offensichtlich auch nicht bei diversen Lohnverhandlungen – siehe Rechnungshofbericht. Wir dürfen nicht vergessen, dass über Tradition immer eine kleine männliche Elite ihre Privilegien zu rechtfertigen versuchte. Die Zeiten und damit auch die Sprache ändern sich glücklicherweise, auch wenn der Preis dafür die eine oder andere anstrengende Debatte ist.

Das Christkind ist übrigens sächlich, also genderneutral. Wir dürfen uns daher alle vorbehaltlos freuen. Außer vielleicht die vielen Menschen nicht-christlichen Glaubens. Aber das diskutieren wir ein anderes Mal. Frohe Weihnachten!

„Frauen sollen sich bei männlichen Bezeichnungen mitgemeint fühlen. In Wahrheit wurden sie von Männern oft nicht mitgedacht.“

Kathrin Stainer-Hämmerle

kathrin.stainer-­haemmerle@vn.at

FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin, lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.

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