„Ich wollte ihn doch nicht töten!“

Vorarlberg / 21.12.2022 • 22:12 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Rechtsanwalt Alexander Wirth (r.) mit seiner Mandantin vor der Schwurgerichtsverhandlung am Landesgericht Feldkirch. vn/gs
Rechtsanwalt Alexander Wirth (r.) mit seiner Mandantin vor der Schwurgerichtsverhandlung am Landesgericht Feldkirch. vn/gs

Sechsfache Mutter wegen Totschlags zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt.

Feldkirch Der Nachmittag vor der Tatnacht am 12. April dieses Jahres verlief ruhig und gewöhnlich. Der Bruder der 38-jährigen sechsfachen Mutter kam zu Besuch. Man trank ein Bier im Garten vor dem Wohnhaus in Schwarzach, wo die Kinder spielten. Doch nach dem gemeinsamen Abendgebet mit ihren Kindern eskalierte die Auseinandersetzung zwischen einer 38-jährigen Vorarlbergerin und ihrem 35-jährigen ausländischen Mann. In der Küche stach die Frau mit einem Messer ins Herz des Ehegatten, der kurz darauf an den Verletzungen starb.

„Innerlich gebrannt“

Der Getötete hatte mit der Frau vier gemeinsame Kinder im minderjährigen Alter, zwei weitere Kinder der Vorarlbergerin stammen aus erster Ehe. Vor der Kriminalabteilung gab die Tatverdächtige am Tag danach an, damals ein Küchenmesser aus dem Messerblock gezogen zu haben.

Anders ihre Schilderung vor dem Geschworenensenat am Landesgericht Feldkirch. Staatsanwältin Julia Berchtold klagt vorsätzlichen Mord an. Der Verteidiger der Beschuldigten, Alexander Wirth, plädiert auf Totschlag. Die Situation habe sich damals aufgrund einer leidvollen und tristen Vorgeschichte der Ehe zugespitzt. „Meine Mandantin wurde von ihrem Mann ständig geschlagen. Es kam mehrfach zu Polizeieinsätzen. Er hatte ihr zudem ständig vorgeworfen, sie habe nur deshalb gearbeitet, damit sie die Kinder abschieben könne. Die Frau hat bei der Tat innerlich gebrannt.“

„Teilweise schuldig“

Es ist eine emotionale Tortur, die die 38-jährige Angeklagte während der Einvernahme durch Richterin Sabrina Tagwercher durchleidet. Weinkrämpfe schütteln sie. Ständig. Dennoch vermag sie klare Antworten auf die Fragen zu erwidern.

„Bekennen Sie sich im Sinne der Anklage schuldig?“, will die Richterin von ihr wissen. „Teilweise schuldig““, kommt als Antwort. „Und warum nur teilweise?“ „Weil ich ihn doch nicht töten wollte!“, beteuert die Angeklagte schluchzend. „Aber ich war wie ferngesteuert! Ich war damals wütend und wurde noch wütender. Weil er mir immer wieder vorgehalten hatte, nur zu arbeiten, damit ich die Kinder abschieben könne! Ich habe innerlich gebrannt und nicht einmal gewusst, dass ich das Küchenmesser in der Hand hielt. Er aber sagte immer wieder: ‘Mach doch, mach doch!’ Dann sah ich plötzlich den Riss in seinem Hemd.“

Kein „Gute Nacht-Wunsch“

Sie sei gerade mit dem Abwasch beschäftigt gewesen. Deshalb habe sie wohl das Küchenmesser in der Hand gehalten. Ihr Mann habe sie in jener Nacht gefragt, warum sie denn die Kinder ins Bett gebracht hätte, ohne dass sie ihm vorher ‚Gute Nacht‘ wünschen hätten können. „Ich sagte dann zu ihm, ich dachte, du schläfst schon“, erinnert sich die 38-Jährige. Dann sei die Situation eskaliert. Als sie ihn am Boden liegen sah, habe sie Erste Hilfe-Maßnahmen eingeleitet und den Notruf getätigt. Die älteste Tochter im oberen Stock hätte geschrien.

Eine Geschichte wird aufgeblättert. Die Geschichte einer unglücklichen Ehe. Ihr Mann habe zwar gearbeitet, aber im Dezember wegen eines „Betriebsurlaubs“ aufgehört und nie wieder damit begonnen. „Ich musste die Familie allein versorgen und war völlig überfordert“, so die Beschuldigte.

Keine Unzurechnungsfähigkeit

Gerichtspsychiater Reinhard Haller attestiert der Angeklagten, während der Tat zurechnungsfähig gewesen zu sein. Unzurechnungsfähigkeit würde eine Geisteskrankheit voraussetzen, die bei der Frau nicht vorlege. Allerdings spricht Haller angesichts der Vorgeschichte von einem depressiven Zermürbungsprozess, dem die Frau ausgesetzt war. Ob die Tat im Affekt geschah, müsse er aber den Geschworenen überlassen.

Die Geschworenen hatten sich am Nachmittag zur Beratung zurückgezogen, die Hauptfrage lautete auf Mord, die Eventualfragen auf Totschlag, absichtlich schwere Körperverletzung mit Todesfolge und Körperverletzung mit tödlichem Ausgang. Die Geschworenen entschieden auf Totschlag, die Frau und sechsfache Mutter wurde zu einer unbedingten Freiheitsstrafe in der Dauer von sieben Jahren verurteilt. Verteidiger Alexander Wirth gab keine Erklärung ab.

Am Tag nach der Bluttat. Der Garten, in dem die Kinder vor der Familientragödie noch spielten. vn/rauch
Am Tag nach der Bluttat. Der Garten, in dem die Kinder vor der Familientragödie noch spielten. vn/rauch
Opfervertreter Rechtsanwalt Stefan Denifl.
Opfervertreter Rechtsanwalt Stefan Denifl.

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