Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Nichts macht Sinn

Vorarlberg / 21.12.2022 • 06:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die kleine Verirrung mit großer Tragweite stammt wohl aus den Macherzeiten, als der Mensch noch glaubte, dass er alles gebacken kriegt. Vielleicht saß damals irgendwo in einer Konzernzentrale ein Manager, dem gerade zehn unterbeschäftigte Sekunden widerfahren waren. Kein E-Mail, keine SMS. Schon ganz fahrig klemmten seine Finger das Smartphone an die Dockingstation, weil da ja etwas mit der Energiezufuhr nicht stimmen konnte. Der warme Widerschein aus dem Gruppensekretariat verstörte ihn zudem. Hatten die schon wieder Pause? Aber er wusste natürlich, dass Fräulein Müller den Adventskranz in Betrieb genommen hatte. Mit energiesparenden Kerzen, die täuschend echt flackerten.

Dasselbe Fräulein Müller hatte ihm vor drei Wochen einen Adventskalender auf den Schreibtisch gelegt. Er hatte sich bedankt, wissend, dass von ihm nun verlangt war, täglich ein Türchen zu öffnen, hinter dem sich ein Spruch verbarg. Er las sie selten. Seine Zeit war kostbar. Aber heute Morgen waren es nur drei Wörter gewesen: „Zeit der Besinnung“. Nun hatte seine Firma dem Advent wirtschaftlich viel abzugewinnen: Die Umsätze stiegen. Deshalb merkte er auf: Besinnung also, so … Sinn war ihm schon begegnet. Wann war das nur? Ja, richtig! Ihm kam das jüngste Bewerbungsgespräch in Erinnerung, als der junge Mann erklärt hatte, dass ihm am wichtigsten wäre, etwas Sinnvolles zu tun. Er hatte unbemerkt das Wort „Sozialromantiker“ an den Rand der Bewerbung notiert, mit einem Rufzeichen.

Was aber, wenn der Wunsch nach Sinn weit verbreitet wäre? Immer öfter blickte er in Augenpaare, die wenig Biss, aber etwas unerklärt Freundliches in sich trugen. Was, wenn die alle Sinn wollten? „Dann“, und so beendete er seine zehn unterbeschäftigten Sekunden triumphal, „dann“, rief er, „machen wir eben Sinn!“ Und so glaubt bis heute eine ganze Generation felsenfest daran, dass Sinn machbar ist. „Das macht Sinn“, sagen sie, und haben nie bemerkt, dass man Sinn zwar suchen und finden, aber eben niemals machen kann.

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