„Diese Zeit hat mein Leben verändert“

Vorarlberg / 22.12.2022 • 17:46 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Linda Meixner hat während ihrer Offline-Phase ein Offline-Manifest geschrieben, das neben Text auch Illustrationen und Bilder enthält. Büro Ludwina
Linda Meixner hat während ihrer Offline-Phase ein Offline-Manifest geschrieben, das neben Text auch Illustrationen und Bilder enthält. Büro Ludwina

Linda Meixner, Gründerin des Offline-Instituts, startet Tourismuspilotprojekt – das „Offline-Dorf“ Gargellen.

Gargellen Wie ist es, 66 Tage offline zu sein? Nicht nur kein Facebook, Instagram, WhatsApp, sondern überhaupt kein Smartphone zu haben? Linda Meixner aus Gargellen hat diesen Versuch gewagt – und dabei viel über sich selbst gelernt. Die 33-Jährige hat daraufhin das Offline-Institute gegründet. Nächstes Jahr soll Gargellen für sechs Tage offline gehen – zumindest für die, die dieses Experiment einmal selbst ausprobieren wollen.

Linda Meixner lebt vom Online-sein. Sie ist Content-Creatorin für alles, was mit Bergsport und ihrer Heimat Montafon zu tun hat. „Ich habe gemerkt, wie mich das verändert“, erzählt Linda, „wie sich Berufliches und Privates miteinander vermischen“. Ständig wird sie von außen, von Fremden, bewertet. Diese Oberflächlichkeit erzeuge Druck und gehe irgendwann an die Substanz. Dazu komme, dass sie als Content-Creatorin ständig erreichbar und präsent sein muss.

Studiert hat Linda Kommunikationsdesign. Für ihre Bachelorarbeit hat sie ihr eigenes Modelabel MUNTAVU gegründet. „Ich liebe es, meine Ideen zu realisieren“, so die vielbeschäftigte Gargellnerin. Ihre erste Kollektion hieß Arwilda, die sich mit der Flora und Fauna des Montafons beschäftigte. Dann kam ihr Master. Da ihr Online-Account immer mehr Zeit beanspruchte, musste sie sich entscheiden. „Ich höre immer auf mein Herz. Daher habe ich mich entschieden, als Content Creatorin meinen Weg zu gehen“ und das Modellabel erst einmal in die Warteschlange zu stellen.

66 Tage Selbstversuch

Jedoch sind ihr mit der Zeit einige Dinge bewusst geworden: „Ich will nicht mehr messbar bewertet werden“, sagt Linda, der es mittlerweile egal ist, wie viele Likes sie für ein Bild bekommt. Nach verschiedenen Verletzungen verspürte sie den Wunsch, einfach mal offline zu gehen.

„Ich möchte die Technik nicht missen, aber wir nutzen die smarten Dinge noch nicht smart. Wir nehmen unser Handy überall mit hin, scrollen ins Unendliche, schlafen damit ein. Wir haben noch keinen gesunden Umgang damit gelernt.“ Sie setzte ihren Beruf aufs Spiel und war nur noch über ein altes Nokia-Handy erreichbar. 66 Tage lang, der wissenschaftliche Durchschnitt von Verhaltensänderungen, wollte sie auf ihr Smartphone verzichten. „Während dieser Zeit habe ich für die wissenschaftliche Basis eine systematische Psychotherapie gemacht, um herauszufinden, was das mit mir als Mensch macht, ohne Smartphone zu sein.“

Erst kam die „radikale Konfrontation“, dann die Erkenntnis und zum Schluss der kalte Entzug. „Die Zeit hat mein Leben verändert“, berichtet Linda. „Ich habe viel mehr um mich herum wahrgenommen, hatte viel mehr Tiefschlafphasen. Ich war achtsamer, aufmerksamer und produktiver. Die Sinne wurden intensiver. Du hast auf einmal viel mehr Zeit.“ Sie sagt aber auch: „Du musst hinschauen, wo du nicht hinschauen willst. Unangenehme Dinge aus der Vergangenheit tauchen wieder auf. Man isoliert sich sozial sehr.“ Linda Meixner wurde „unheimlich kreativ“ und hat in dieser Zeit viele Bilder gemalt, Dinge gestaltet und ihr eigenes, ganz persönliches Buch geschrieben – das Offline-Manifest. „Ich habe meine ganzen Erlebnisse und Gedanken niedergeschrieben.“

Aus diesem Selbstexperiment hat Linda das Offline-Institute gegründet. Bereits im Oktober haben rund 150 Personen beim „Offtober“ mitgemacht und den Monat ohne Social Media verbracht. Dabei wurden sie wissenschaftlich begleitet. Herzratenvariabilitätsmessungen wurden an den Teilnehmern durchgeführt und ausgewertet. Die Veränderungen im Alltag der Teilnehmer reichen von mehr Konzentration und Kreativität über gesteigerte Interaktion mit ihren Mitmenschen bis hin zu besserem Schlaf und Halbierung der Bildschirmzeit.

Nicht ohne die Wissenschaft

Schon im März stellte Linda einen Forschungsantrag bei der FFG, der österreichischen Förderagentur für wirtschaftsnahe Forschung, Entwicklung und Innovation, für das Offline-Dorf Gargellen. Am 15. Juli erhielt sie die Zusage für die Impact Innovation Förderung. Die wissenschaftlichen Experten Philipp Schlemmer und Cornelia Blank, stellvertretende Institutsleiterin des ISAG (Institut für Sport-, Alpinmedizin und Gesundheitstourismus) der UMIT TIROL, sowie Gerhard Moser begleiten das Projekt. Mittlerweile ist Linda Meixner selbst Doktorandin am ISAG. Vor Kurzem haben sich Wissenschaftler, Tourismusleute und Experten getroffen, um Details für das Offline-Dorf zu finalisieren. Das Offline-Dorf, welches auf Kenntnissen des „Offtobers“, Lindas Masterarbeit und der Wissenschaft beruht, „ist die weltweit erste Urlaubserfahrung, die wissenschaftlich fundiert einen nachhaltig gesunden Umgang mit deinen Smart Devices fördert – für mehr bewusste Zeit im Hier und Jetzt“, fasst Linda zusammen.

Urlaub ohne Smartphone

Man kann sich für die ersten 30 Plätze bewerben. Bevor man die Auszeit antritt, gibt es eine zehntätige Vorbetreuung, sodass man „ganz anders anreist“. So mache man den Entzug schon ein stückweit zu Hause. Einerseits in Stille und andererseits im Austausch mit Gleichgesinnten erlebt man von Sonntag bis Freitag, vom 10. bis 15. September, die Tage in Gargellen. „Entspannung, Bewegung, Kulinarik, Handwerk“: Das sind die Eckpfeiler dieses Erlebnisses, die eine nachhaltige Resilienz fördern. Im Anschluss werden die Teilnehmer 30 Tage nachbetreut, um in eine digitale Balance zu finden. VN-JUN

„Ich habe viel mehr um mich herum wahrgenommen und hatte auf einmal viel mehr Zeit.“

Termine

Hotel Heimspitze

27. Dezember um 21 Uhr

Hotel madrisa 28. Dezember um 21 Uhr

Hotel Mateera 4. Januar um 16.30 Uhr

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