„Christkind, ich hab‘ dich lieb – dafür hätte ich gerne Handschuhe“

Vorarlberg / 23.12.2022 • 21:25 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Anita Wabersich ist bereits auf Weihnachten eingestimmt. VN/Roland Paulitsch
Anita Wabersich ist bereits auf Weihnachten eingestimmt. VN/Roland Paulitsch

An Weihnachten taucht Anita Wabersich (100) in die Vergangenheit ein.

Feldkirch Anita Wabersich hat Angst vor Weihnachten. Die Hundertjährige, die im Altenheim Haus Schillerstraße lebt, befürchtet, dass Erinnerungen und starke Gefühle sie an Heiligabend überwältigen. Als Kind freute sie sich schon im November aufs Christkind. „Ich habe ihm einen Brief geschrieben und mitgeteilt, dass ich es liebhabe und gerne Handschuhe hätte“, taucht Anita mit leuchtenden Augen in die Vergangenheit ein.

Mit staunenden Augen

Die Eltern verstanden es, das Weihnachtsfest zu einem Erlebnis zu machen. „Meine Schwester und ich durften am 24. Dezember nicht im Haus sein, weil das Christkind dort zu tun hatte. Unsere Eltern schickten uns zum Rodeln oder zu Freundinnen. Erst um 17 Uhr durften wir wieder heimkommen. „Wir warteten in der Küche aufs Christkind. Als die Glocke klingelte, wussten wir: Es geht los.“ Die Eltern machten die Tür zum Wohnzimmer auf und gaben damit den Blick frei auf einen mit Engeln und silbernen Kugeln geschmückten Tannenbaum. Mit staunenden Augen bewunderten die Mädchen den Christbaum. Ihr Blick wanderte dann aber schnell zu den Präsenten unterm Baum. „Jede von uns bekam ein Geschenk, entweder Handschuhe, Socken oder einen Schal.“ Das Geschwisterpaar wuchs bescheiden, aber sehr behütet auf. „Ich hatte eine schöne Kindheit.“ Unvergessen bleiben ihr die acht sorglosen Sommer, die sie mit ihrer Schwester auf der Alpe Sera verbrachte. Die Älpler schätzten Anita, auch weil sie mit dem Akkordeon aufspielte. „Mit drei Liedern habe ich Tanzmusik gemacht“, erzählt sie freudig.

Auch an die anderen Stationen ihres Lebens kann sich die Hochbetagte noch gut erinnern. Als junge Frau arbeitete sie beim Fernmeldeamt, wechselte dann aber ins Büro des Hochbauamts. Den Krieg überstand sie ohne Verletzungen, aber er nahm ihr ihre erste Liebe, einen Studenten aus Graz. „Kurz vor seinem Tod schrieb er mir noch, dass er bald daheim sei, es könne gar nicht anders sein. Aber dann bombardierten die Russen ein Schiff in der Ostsee. Es sank und mit ihm 4000 Soldaten, darunter mein Liebster.“ Anita hält kurz inne, bevor sie fortfährt. „Ich habe viel Schweres erlebt, aber auch viel Schönes. Durch das Schwere reift man.“

Sohn starb plötzlich

Höhepunkte in ihrem Leben waren die Hochzeit mit dem Designer Alfred Wabersich und die Geburt der Söhne Ekkehard und Dietmar. Das Muttersein erfüllte Anita. Als Mama war es ihr wichtig, Weihnachten so zu gestalten, dass die Kinder die größtmögliche Freude hatten. „Ich habe es so gemacht wie meine Eltern.“ Das kam bei den Söhnen gut an.

Das Familienglück wurde jäh zerstört durch den plötzlichen Tod von Ekkehard. „Er stürzte vom Rad, ein Aneurysma war in seinem Kopf geplatzt. Er wurde nur zwölf Jahre alt“, erzählt die rüstige Seniorin vom schwersten Schicksalsschlag ihres Lebens. 19 Jahre später musste sie wieder von einem geliebten Menschen Abschied nehmen. Ihr Mann starb nach einem Schlaganfall.

Aber das letzte Wort hatte das Leben und nicht der Tod. „Ich verstand es, mir das Leben selbst schön zu machen.“ Die Witwe fand eine neue Aufgabe. „Ich habe bei kranken Menschen Nachtwache gehalten.“ Rückblickend kommt es ihr vor, dass sie im Nu alt geworden ist. Bis zum 97. Lebensjahr versorgte sie sich noch selbst. Der Gang ins Altersheim war vorgezeichnet, als ihre Beine sie nicht mehr trugen und ihr Augenlicht sich verschlechterte. Bevor sie ihr Zuhause in Tisis aufgab, rief sie noch Pater Pio an, den sie verehrt. „Ich bat ihn, mir beizustehen.“ Seiner Hilfe schreibt sie es zu, „dass ich noch immer gerne lebe“. Es gefällt ihr im Heim. „Ich habe es schön hier.“ Ihr Sohn kommt sie regelmäßig besuchen. Die Weihnachts-Lichterkette an der Decke hat er angebracht. Auch den Christbaum hat er mitgebracht, ebenso den großen Engel. Dietmar weiß, wie er seiner Mutter eine Freude bereiten kann. VN-kum

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