Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Wo das Glück zu finden ist

Vorarlberg / 26.12.2022 • 19:37 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Heuer wieder mal Weihnachten im Ländle. Fein ist es, genau wie es sein soll, zwei Tage lang Großfamilie, Gelächter, Geschenke, Getränke. Allen geht es soweit gut, was will man mehr. Der große Tisch wird noch größer gemacht und schön gedeckt. Wie viele Teller brauchen wir, Mama? Warte, 16. Wo gibts noch mehr Besteck? Da hinten, in der Schublade. Servietten? Eine darunter!

Später drängen sich Großeltern, Kinder, Enkelkinder um den Tisch, man isst und trinkt, es ist mehr als genug für alle da, auch für die Veganerinnen und Vegetarier. Schöpft mir noch jemand was vom Mayonaise-Salat? Danke! Mag noch wer Pommes? Ja, ich! Man reiche mir den Ketchup bitte! Noch Wienerle? Ich nehm gern noch eins, danke. Nur der Hund bekommt nichts.

Der Hund hat alle, die eintrafen, aufgeregt abgeschnuppert und schläft jetzt die meiste Zeit zwischen all den Füßen unterm Tisch. Ich erzähle meinem Bruder, wie der Hund zwar anfangs immer ein bisschen aufgeregt ist, aber sonst ein ganz ein Lieber, bettelt nicht beim Essen, kann gut allein zuhause bleiben, zerbeißt keine Schuhe und würde sich nie einfach so etwas vom Tisch schnappen. Mein Bruder schaut in die Küche hinaus und sagt: Ich glaube, dein Hund holt sich gerade ein Würstel vom Küchentresen. Das gibts ja nicht, BÖSER HUND! Die Schwägerin kann nicht mehr zu lachen aufhören. Gebt mir noch was zu trinken!, ich wurde gerade dermaßen blamiert. Die Schwägerin lacht immer noch.

Jetzt, wo wir Weihnachten so prächtig und bravourös erledigt haben, können wir uns schon ein bisschen dem neuen Jahr zuwenden. Hat jemand von euch Vorsätze? „Ich nicht.“ „Ich schon, aber ich sag dir nicht welche.“ „Ich weiß auch nicht.“

Ich habe eigentlich auch keinen Neujahrsvorsatz, außer vielleicht diesen einen: Das Glück nicht irgendwo in weiter Ferne zu suchen, in Dingen, von denen man glaubt, man brauche sie in unbedingt, an Orten, an denen man gern wäre, in anderen unerfüllten Wünschen. Ich werde da genauer zu schauen, wo ich gerade bin, und das Glück dort finden, denn es ist ja eh schon da. Es steckt in den Menschen, die einen lieben und die es einem so leicht machen, sie zurückzulieben. Es liegt an dem Ort, der einem ein Zuhause ist. Es zeigt sich darin, dass es einem gut geht, auf die eine oder andere Art. Es versteckt sich in den schönen Dingen, die man schon besitzt und immer wieder gut brauchen kann. Mehr Vorsätze brauche ich heuer nicht.

Meine Hosen zwicken schon vom vielen Essen, so gesehen gut, dass wir morgen wieder heimfahren. Ein bisschen Schnee wär noch nett gewesen, aber sonst: Perfekte Weihnachtstage waren das, danke, und euch allen wünsche ich viel Glück im neuen Jahr.

„Jetzt, wo wir Weihnachten so prächtig und bravourös erledigt haben, können wir uns schon ein bisschen dem neuen Jahr zuwenden.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.

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